Kleingärtnerglück in Stockholm

Wer das Wort Schrebergarten hört, denkt gleich an Gartenlauben und millimetergenau abgemessene Blumenbeete. Was für die einen eine spießige Eigenart, ist für die anderen ein idyllisches Kleinod am Stadtrand. Die Stockholmer haben diese "typisch deutsche" Tradition übernommen und ihren eigenen Vorstellungen angepasst.

Ein breiter Kiesweg führt an einem roten Holzzaun entlang. "Stora Skuggan" - "Großer Schatten" steht auf einem Holzschild. Doch schattig ist es hier keineswegs, im Gegenteil: Die Sonne scheint wohlig-warm auf die patchwork-artig aneinander gereihten Gartenparzellen. Eine Schrebergartenkolonie, in der es überall grünt und blüht. Narzissen, Tulpen, Hyazinthen - soweit das Auge reicht.

Hinter der Blumenpracht steckt eine Menge Arbeit: „Ich finde es macht Spaß umzugraben; es ist gut für die Muskeln. Außerdem ist es schön, im Freien zu sein. Ist man erstmal ein paar Stunden draußen vergisst man alles um sich herum.“ Für Gisela Hybeny gibt es nichts Schöneres, als jede freie Minute in ihrem Schrebergarten zu verbringen. Sobald die Sonne rauskommt, ist die ambitionierte Hobbygärtnerin kaum zu bremsen.

Sie ist Mitglied im Stockholmer Schrebergartenverband, der 1909 gegründet wurde. Der Verein hat über 8.500 Mitglieder; hauptsächlich Frauen. Zum Vergleich: Der Kleingärtnerverband Hamburg Mitte hat knapp halb so viele Mitglieder. Doch warum sind Schrebergärten bei Stockholmern eigentlich so beliebt?

Buddeln ist schön

Mona Läkan, die Vorstandsvorsitzende des Stockholmer Schrebergartenverbands, glaubt es zu wissen: „Alle Menschen buddeln gerne in der Erde. Das ist ein Grundbedürfnis. Trotzdem kann man nicht einfach anfangen, im Stadtpark herumzugraben. Man braucht einen Platz in der freien Natur, wo man graben, Rasen mähen und sich einfach gut fühlen kann.“

Ingrid Rosengren hat zwei Kinder und sich deshalb vor kurzem einen Schrebergarten im Gebiet "Tantolunden Södra" angeschaft. Das Besondere: Jeder Garten hat ein Häuschen und liegt auf einem Hügel mit Blick aufs Wasser. Im Gegensatz zu deutschen Parzellen gibt es hier keine Zäune. Deshalb kann ein Plausch mit der Nachbarin oft auf deren Grundstück enden. Lillemor Brand freut sich darüber: „Alle sollen sich an der Blumenpracht erfreuen können. Viele kommen und sagen "Oh, was habt ihr es hier gemütlich!“

Dänisches Vorbild

Diese Gemütlichkeit haben die Stockholmer Anna Lindhagen zu verdanken. Sie legte 1906 den ersten Schrebergarten in Stockholm an, und zwar nach dänischem Vorbild. Mona Läkan erklärt, was die junge Frau dazu bewegt hat: „Ihre Grundidee war, finanziell schlechter gestellten Familien mit vielen Kindern die Möglichkeit zu geben, einen Platz im Freien zu besitzen. Und so bot man Schrebergarten zum Verkauf an. Dieser Gedanke wird auch heute noch sehr stark in Stockholm gelebt.“

Die Preise für einen Schrebergarten seien immer noch für jedermann erschwinglich. Mit Häuschen koste ein Grundstück umgerechnet 380 Euro im Jahr. Man könne aber auch schon ab 60 Euro im Jahr eine kleine Parzelle ohne Extras bekommen. Wichtig sei nur, dass man regelmäßig Unkraut jäte.

Doktor Schreber

Dass dieser Wahn Frischluft und Ordnung ursprünglich aus Deutschland kommt, weiß hier allerdings kaum jemand. Der deutsche Arzt Moritz Schreber ist vielen gänzlich unbekannt. Er lebte im 19. Jahrhundert in Leipzig und beschäftigte sich mit Haltungsschäden von Kindern. Menschen und Pflanzen machten für ihn kaum einen Unterschied. So zwängte er seine Kinder über Nacht in Schienenkorsetts, damit sie gerade wuchsen. Daraus entstand die Idealvorstellung von schnurgeraden Gartenanlagen, den heutigen Schrebergärten.

In einem sind sich Deutsche und Schweden bis heute einig: Unkrautjäten ist das A und O eines jeden Schrebergärtners. Wer sich nicht daran hält, kann seinen Schrebergarten auch ganz schnell wieder verlieren. Doch das passiert in Stockholm so gut wie nie, weiß Mona Läkan: „Ich denke, dass man das Unkraut jäten lieben muss, wenn man sich einen Schrebergarten anschafft. Sonst kauft man sich besser ein Sommerhäuschen.“

Nicole Serocka

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