30 Jahre Vaterschaftsurlaub

Schweden hat 1974 als erstes Land, den Vaterschaftsurlaub eingeführt hat. Damals zweifelte man noch, ob Männer in der Lage seien, sich um Kleinkinder zu kümmern. Mittlerweile hat sich das Bild des Vaters in der schwedischen Gesellschaft gründlich gewandelt. Vorbildhaft im europäischen Vergleich. Doch sind die Gewerkschaften noch lange nicht zufrieden.

„Ich habe mir den Elternurlaub mit meiner Frau geteilt. Dafür gab es mehrere Gründe: Ich meine, dass Mann und Frau so lange mit dem Kind zu Hause bleiben sollten wie möglich. Außerdem ist es eine ziemlich harte Arbeit, ermüdend, anstrengend für den Rücken. Und dann ist da noch die ökonomische Seite, je länger man von dem Arbeitsplatz wegbleibt, desto eher hat man mit Einbußen beim Gehalt zu rechnen, deshalb sollte man sich schon aus Fairness den Elternurlaub zur Hälfte teilen.“

Anders Mildner, freischaffender Journalist, ist eine der großen Ausnahmen. Normalerweise nehmen die schwedischen Männer von dem 15-monatigen bezahlten Elternurlaub nur zwei Monate. Und auch nur, weil sie per Gesetz dazu verpflichtet werden. Wenn ein Vater diese Zeit nicht in Anspruch nimmt, verfällt sie. Dabei wird ihnen sogar der größte Teil des Gehalts bis zu einer Summe von umgerechnet ungefähr 2 500 Euro weiterbezahlt. Staatliche Angestellte und Mitarbeiter großer Betriebe erhalten sogar ohne Einschränkung bis zu 90 Prozent ihres Gehalts. Trotzdem wird der Erziehungsurlaub hauptsächlich von Frauen genommen.

Diskriminiert auch ohne Kind

„Wir haben festgestellt, dass Frauen generell diskriminiert werden und zwar schon bevor sie Kinder bekommen“, bedauert Irene Wennemo vom schwedischen Gewerkschaftsbund. „Der Arbeitgeber nimmt einfach an, dass sie eines Tages Kinder bekommen, und gibt ihnen von vornherein einen geringeren Lohn. Männer werden hingegen erst dann diskriminiert, wenn sie tatsächlich den Vaterschaftsurlaub in Anspruch zu nehmen. Sie haben dann Probleme in ihren Job zurückzukehren und auch ihr Gehaltsniveau zu halten. So scheint es für das Paar eine vernünftige Entscheidung zu sein, dass die Mütter den Elternurlaub voll ausschöpfen und ihn nicht mit dem Vater zu teilen.“

Eine Regierungskommission will das jetzt ändern. Sie will die Männer verpflichten, mindestens fünf Monate des Vaterschaftsurlaub zu nehmen, also ein Drittel des staatlich bezahlten Erziehungsurlaubs. So können die Arbeitgeber auch nicht mehr davon ausgehen, dass nur die Frauen Elternschaftsurlaub nehmen.

Joachim Alpen arbeitet nach ein paar Jahren in Deutschland jetzt bei einer Bank und hat nur die vorgeschriebenen zwei Monate Auszeit in Anspruch genommen: „Ich habe zwar das Recht elf Monate zu nehmen, und niemand würde etwas sagen. Aber wenn ich das tun würde - oder auch nur sechseinhalb Monate nähme - dann würde ich wahrscheinlich andere Aufgaben bekommen. Es wird nicht richtig ausgesprochen, aber die Mitarbeiter wissen, wenn man zu viel Erziehungsurlaub nimmt, dann es ist wahrscheinlich nicht gut für die Karriere.“

Keine Vorschriften, bitte

Eine Umfrage der Sozialversicherung hat nun auch gezeigt, dass die meisten Mütter gar nicht den Erziehungsurlaub an die Väter abtreten wollen. Die Familien wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie diese Auszeit untereinander aufteilen. Damit geraten sie jedoch in Konflikt mit dem Doppelversorgermodell, auf dem der schwedische Wohlfahrtsstaat aufbaut, sagt Irene Wennemo: „Im Prinzip wollen die Frauen die Gleichheit der Geschlechter, doch in der Praxis, in ihrem persönlichen Fall, wollen sie es nicht. Ich denke, dass es für eine Familienpolitik wichtig, in die Zukunft zu schauen, sich aus den traditionellen Mann-Frau-Stereotypen zu lösen, und zukünftige Familien auf dem Weg zur Gleichheit der Geschlechter zu erziehen.“

Auch Anders Johnson unterstützt das Anliegen der Gewerkschaften: „Natürlich gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung gegen solch eine Gesetzesänderung sind. Aber ich halte das für kein ausschlaggebendes Argument. Man kann diese Zahlen auch bei der Einstellung der Menschen gegenüber Einwanderern und Homosexuellen finden. Es ist die Frage, welche Gesellschaftsstrukturen man da befördert, wenn nicht beide Eltern gleichermaßen Elternschaftsurlaub nehmen und bei ihrem Kind sein können.“

Kompromissbereitschaft

Zumindest in Regierungskreisen wird der Vaterschaftsurlaub kräftig unterstützt. Da mindestens 50 Prozent aller Ämter von Frauen übernommen werden sollen, wird es hier gern gesehen, dass Männer sich mindestens zur Hälfte am Elternurlaub beteiligen. Wie beispielsweise Martin Bengtson: „Ich arbeite im Verteidigungsministerium und habe da einen ziemlich spannenden, dynamischen Job. Aber für meine Frau und mich war klar, dass ich ein halbes Jahr Elternzeit nehme. Das wurde auch von meinem Arbeitgeber unterstützt. Mit meinem Sohn zusammen zu sein, war eine lehrreiche und intensive Erfahrung, vor allem weil ich gelernt habe Kompromisse zu machen.“

Alle erwerbstätigen Eltern haben nach einem Jahr Anspruch auf einen ganztägigen Kindergartenplatz für ihr Kind. Außerdem erhalten sie bis zu 60 Urlaubstage im Jahr, um ihr Kind im Krankheitsfall zu Hause zu betreuen. Eine steuerliche Erleichterung für Familien gibt es hingegen in Schweden nicht. Auch nicht die Wahlmöglichkeit länger mit dem Kind zu Hause zu bleiben. Doch scheint gerade der Zugang, den die Frauen in Schweden zum Arbeitsmarkt haben, Voraussetzung für die vergleichsweise hohe Geburtenrate zu sein. Frauen brauchen nicht länger zwischen Kindern und Berufsleben zu wählen. Der Preis dafür ist vielleicht, sich eingestehen zu müssen, dass Mütter nicht unersetzbar und Väter genauso gute Eltern sind.

Die schwedische Familienpolitik will jedenfalls den Unterschied der Geschlechter auch in der Kindererziehung aufheben. Wer Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt will, muss sie auch in der eigenen Familie praktizieren.

Daphne Springhorn

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