Im Dienste der Sicherheit

Geheime Forschung

Seit den Anschlägen vom elften September 2001 in den USA ist klar, eine - zumindest abstrakte - terroristische Bedrohung besteht überall auf der Welt. Auch in Schweden. Zwar gilt hier ein Terroranschlag als eher unwahrscheinlich. Dennoch haben die staatlichen Behörden Vorkehrungen getroffen. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit betreibt das schwedische Verteidigungsministerium in der nordschwedischen Stadt Umeå ein Forschungszentrum. Weitab von allen Ballungsräumen bereiten sich Forscher dort auf den Ernstfall vor.

Das viereinhalb Meter lange Destilliergerät ist das wichtigste Instrument in Martin Nygrens Labor. Eigentlich ist es kein Destilliergerät im engeren Sinn, sondern ein komplexer Apparat mit unzähligen silbernen Röhren und elektronischen Anzeigen. Damit hat Martin Nygren vor fast drei Jahren vermeintliche Anthrax-Briefe aus ganz Schweden untersucht. Und sein Labor fand heraus: es handelte sich um harmloses weißes Pulver. Die Briefe sorgten damals in Schweden für Schlagzeilen. Dennoch blieb das Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums in Umeå, abgekürzt FOI, weiterhin fast unbekannt. Das tut Nygrens Laune jedoch keinen Abbruch.

„Wir sind sehr gut vorbereitet und behalten alle möglichen Risiken im Blick“, sagt Martin Nygren. „Wenn wir unbekannte Proben entgegennehmen, müssen wir natürlich sehr vorsichtig sein. Man muss damit rechnen, mit Substanzen zu arbeiten, bei denen man sich nicht auf bisherige Untersuchungsergebnisse stützen kann.“

Anthrax-Kontrollen

Martin Nygren arbeitet seit mehreren Jahren für das Forschungsinstitut. Nach dem Studium war er zunächst als Biochemiker an der Universität von Umeå beschäftigt. Später lockte ihn ein Angebot des FOI. „Eine spannende Aufgabe für jeden Wissenschaftler“, wie er sagt. Denn das Institut erfüllt mehrere Aufgaben. Im Auftrag der schwedischen Regierung untersucht es waffenfähige Stoffe, erstellt Katastrophenpläne für den Fall eines Terroranschlags mit chemischen oder biologischen Waffen und stellt Expertenteams für internationale Waffeninspektionen zusammen.

Rund 130 Millionen Euro gibt der schwedische Staat jährlich für sein Forschungszentrum aus. Kein unbedeutender Posten im Staatsbudget. Der ebenerdige Gebäudekomplex liegt versteckt in den Wäldern außerhalb der nordschwedischen Stadt Umeå - geschützt durch hohe Zäune und etliche Überwachungskameras. Durch die beiden Besucherschleusen kommt nicht jeder. Und wer keine schwedische Staatsbürgerschaft besitzt, hat es noch schwerer. Verteidigung auf allen Ebenen.

Inspektionen im Irak

Doch, hält Martin Nygren dagegen, die Mitarbeiter im Institut „freuen sich immer über Besucher“. So erzählt der Wissenschaftler erstaunlich unbekümmert von den weltweiten Gefahren des Terrorismus. „Sicher, es ist immer möglich, dass irgendjemand einen konventionellen oder bislang unbekannten Stoff einsetzt. Andererseits ist es für Terroristen nicht leicht, an derlei Stoffe in solchen Größenordnungen zu gelangen. Um eine wirkliche Gefahr darzustellen, benötigen sie die Unterstützung eines ganzen Staatsapparats."

Einen solchen ganzen Staatsapparat hatten die Wissenschaftler von Umeå auch schon zu inspizieren. Ingrid Fengmark zum Beispiel gehörte zu der Gruppe von UN-Waffeninspekteure, die unter der Leitung von Hans Blix im Frühjahr 2003 den Irak auf Massenvernichtungswaffen untersuchten.

Die studierte Chemikerin ist auch heute noch tief enttäuscht darüber, dass ihre Arbeit damals einen Krieg nicht verhindern konnte. „Unsere Arbeit wurde zu früh abgebrochen. Je größer der Druck auf den Irak war, desto eher waren die Behörden bereit, mit uns zusammen zu arbeiten. Es gab noch viel zu tun. Zunächst waren wir fast nur damit beschäftigt, unsere Inspektionen zu organisieren, unseren Untersuchungsapparat aufzubauen. Das dauert Monate."

Prestigeprojekt

Nach Ansicht von Ingrid Fengmark war der Auftrag der Waffeninspekteure zum Scheitern verurteilt. Die Arbeit der Wissenschaftler stellte letzten Endes doch nur eine traurige Zwischenepisode auf dem Weg zum Irak-Krieg dar. „Wir hatten geglaubt, auf das Geschehen einwirken zu können, und hofften, dass man uns vertraut. Gleichzeitig sah unser Auftrag vor, den Irak nach Abschluss der Inspektionen für unbestimmte Zeit zu kontrollieren. Aber es wäre sehr schwer für uns wenige Inspekteure geworden, ein solches Überwachungsprogramm zu betreiben."

Doch, hält Fengmark fest, sie haben professionelle Arbeit im Irak geleistet. Ihre Ergebnisse konnten nicht widerlegt werden. Denn im Irak sind keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden. Damit habe das Institut von Umeå seine Unabhängigkeit bewiesen. Dies wird es auch in Zukunft tun können - ganz gleich, wie sich der schwedischen Verteidigungshauhalt entwickelt. Denn: das FOI gilt als Prestigeobjekt und wird dementsprechend in den kommenden Jahren nicht von Kürzungen betroffen sein.

Alexander Schmidt-Hirschfelder