Pack den Harn in den Tank

Harnstoff soll den Schadstoff-Ausstoß von Lastkraftwagen senken. In Stockholm gibt es die erste Harnstoff-Tankstelle, und mit ihr viele Fragen: Wie soll das funktionieren? Woher kommen so große Mengen Harnstoff? Ist das nicht eklig?

„Ich dachte, das wäre ein Witz. Ich weiß ja nicht, Urin?" Tommy Nyberg glaubte an einen Scherz, als er in der Zeitung von der neuen Tankstelle las. Er kann sich nicht so richtig vorstellen, wie das funktionieren soll.

Aber Nein, alles ist ernst und hoch wissenschaftlich! Anette Fredriksson vom Tankstellenbetreiber International Diesel Service erklärt, wie es funktioniert: „Man kann sich das wie Legosteine vorstellen. Wenn die Emissionen den 3-Stufen-Katalysator erreichen, wird die Harnstofflösung zugeführt. Die verschiedenen Moleküle beginnen, sich miteinander zu verbinden, wie Legosteine eben. Aber durch den Zusatz tun sie das anders als vorher. Und diese neuen Kombinationen, die dann entstehen, sind weniger umweltschädlich als die herkömmlichen Abgase."

Neue Abgasvorschriften

Aus Stickoxiden werden die Elemente Stickstoff und Wasser. Ein weiterer Vorteil: geringerer Diesel-Verbrauch - und dadurch reduzierter Kohlendioxid-Ausstoß.

Mit Hilfe dieses Systems sollen die verschärften Abgas-Vorschriften für den Schwerlastverkehr erfüllt werden, die ab Oktober nächsten Jahres gelten. Denn dann tritt die Euro 4-Norm in Kraft, und ab 2006 müssen alle neuen Lastkraftwagen mit Motoren ausgerüstet sein, die weniger Schadstoffe ausstoßen. Eine Möglichkeit: der Extra-Tank mit Harnstofflösung.

Doch Autofahrer Benny Svensson hat Bedenken, „Das muss doch stinken”, befürchtet er. Denn er stellt sich schon bildlich vor, dass riesige Mengen Urin gesammelt werden müssen.

„Aber nein, es stinkt nicht“, beruhigt Anette Fredriksson. „Dieser Harnstoff ist auf chemischem Weg hergestellt. Er ist also nicht vergleichbar mit Urin von Menschen oder Tieren. Denn da sind noch Schlackeprodukte drin, und die können stinken. Aber der chemische Harnstoff, den wir benutzen, ist völlig geruchlos und ungefährlich."

Umweltfreundlich

Für Marielis Kärke klingt das Prinzip plausibel: „Es gibt ständig Fortschritte. Und es ist gut, dass die Forscher vorwärts kommen. Alles, was der Umwelt hilft, ist gut. Wir müssen uns weiter entwickeln. Wir werden die Erde zerstören, wenn wir keine Lösungen finden."

Und wenn diese Lösung Harnstoff heißt, auch gut.

Aber an der neuen Tankstelle im Süden Stockholms ist noch nicht viel los. Eine Dieselzapfanlage für Lastwagen steht dort, und daneben ein große Zisterne mit rund 3.500 Litern 32,5prozentiger Harnstofflösung. Offiziell heißt sie AdBlue.

Anette Fredriksson ist überzeugt, dass der Bedarf steigen wird. Denn einige Hersteller testen das Verfahren derzeit. So auch das Unternehmen Scania in Södertälje. Madeleine Nordquist koordiniert dort die Entwicklung dieser neuen Technik: „Wir fahren zum Beispiel eigene Funktionstests in unseren Versuchszellen. Dabei prüfen wir, ob die Techniken und Steuerungssysteme funktionieren - in Winter- und Sommerklima. Und wir haben einige Wagen draußen bei unseren Kunden, um zu sehen, ob die Systeme im täglichen Betrieb funktionieren. Und dann machen wir natürlich Langzeittests."

Andere Lösungen

Nächstes Jahr will Scania die ersten Fahrzeuge mit Extra-Tank verkaufen. Aber dieses System ist nicht das einzige, das Scania testet. „Wir arbeiten auch mit EGR, Exhaust Gas Recirculation. Das ist ein System, bei dem wir die Abgase innerhalb des Motors bearbeiten. Die Abgase werden in den Motor zurück geleitet. Und auf diese Weise senken wir die Verbrennungstemperatur und bekommen dadurch weniger Stickoxide aus dem Motor."

Hierbei werden keine Zusätze benutzt und kein zusätzlicher Tank oder Katalysator benötigt. Diese Technik sei eigentlich die robustere, aber für größere Motoren eigne sich die Harnstoff-Variante besser, sagt Anette Fredriksson. Bis zum Jahresende will International Diesel Service noch zwei weitere AdBlue-Tankstellen in Schweden in Betrieb nehmen. Danach folgt eine Auswertung. Um das ganze Land abzudecken, wären mindestens 20 bis 25 Anlagen in Schweden nötig.

Wibke Kaminski

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