Euroscience

Wissenschaft geht auf die Straße

In Stockholm findet das Euroscience Open Forum statt. Das viertägige Wissenschaftsfestival ist das erste seiner Art in Europa. Es besteht aus wissenschaftlichen Darbietungen für die Öffentlichkeit und einem Fachtreffen mit rund 2000 Teilnehmern aus der ganzen Welt. Die Wissenschaftler diskutieren, tauschen sich aus und präsentieren ihre neuesten Ergebnisse für Politiker, Wirtschaftsfachleute und natürlich die für Medien. Mit dem Treffen sucht Europa den Anschluss an die USA.

In der Stockholmer Innenstadt gab’s Wissenschaft zum Anfassen. Denn Vorträge auf der Strasse halten ist auch ein Anliegen des Wissenschaftsfestivals. Die Passanten können an zahlreichen Ständen Vorträge anhören und auch selbst ein wenig forschen. Das Programm richtet sich an Schulklassen, aber auch an interessierte Laien.

Kontakt mit der Arktis

Im Park Kungsträdgården waren Polarforscher anzutreffen. „This is the Neumayer station!“ Frank Poppe vom Alfred-Wegener Institut in Bremerhaven spricht mit seinem Kollegen am Südpol. Die Polarforscher haben gut gefrühstückt, die Stimmung ist gut, alles bestens. Die Neumayer-Station im ewigen Eis hat Kontakt zur blühenden spätsommerlichen Stockholmer City. Polarforschung, fast zum Anfassen ist das - jedenfalls zum Anhören. Spannend ist die Arbeit auf der Forschungsstation, Frank Poppe animiert das junge Publikum auf Englisch zur Kontaktaufnahme:

„Who wants to ask something?" „That´s Manne, I want to ask, how is the weather?" Ganz gut, annähernd 40 Grad, unter Null, antwortet Polarforscher Frank Peter am Südpol. Und sonst so? Es ist zugegeben etwas schwierig, auf Englisch kluge Fragen zu stellen. Die Konversation tröpfelt vor sich hin.

Drei Mädels aus Tungelsta, südlich von Stockholm, sind auch etwas ratlos. „Ja also, wir wissen nicht, was wir fragen sollen. Wir müssen in der Schule einen Vortrag hierüber halten, deshalb bleiben wir noch ein bisschen."

Eine mögliche Frage wäre: was macht die Neumayer-Station eigentlich in der Antarktis? Margarete Pauls vom Alfred-Wegener-Institut antwortet, dass es die Station schon seit 1981 gibt und sie mit maximal zehn Leuten besetzt ist. „Und Sinn und Zweck der Station ist, kontinuierlich wissenschaftliche Messreihen zu erheben. Daten werden in Datennetze eingespeist, drei Laboratorien für Geophysik, Geochemie und Meteorologie." So helfen die Messungen anderen Wissenschaftler die Rolle der Antarktis im globalen Gefüge, etwa beim Klima, besser zu verstehen.

Nicht nur Straßengaudi

Das große Vorbild des Euroscience Open Forum ist die AAAS, die US-amerikanische Vereinigung zur Wissenschaftsförderung. Sie existiert seit gut 150 Jahren und gilt als Paradebeispiel für den starken Stand von Wissenschaft und Forschung in den Vereinigten Staaten. Europa hinkt hinterher, und das soll sich jetzt ändern, erklärt der schwedische Mitbegründer des europäischen Wissenschaftsfestivals, Carl Johan Sundberg: „Wir brauchen eine Plattform für die Diskussion über Forschung und ihre Bedeutung in der Gesellschaft. Die gibt es in Europa noch nicht. Wir wollen eine Tagung, zu der sich europäische Forscher regelmäßig treffen."

Es soll zusammenfassend dargestellt werden, wo Europa derzeit wissenschaftlich steht, und dazu gibt es mehre hundert Veranstaltungen. Zwei der wichtigsten Themen: Infektionskrankheiten und aktuelle ethischen und juristische Fragen der Gentechnik. So spielt etwa die Stellung der Stammzellenforschung und therapeutisches Klonen eine große Rolle. Denn noch immer sind die Regelungen von Biotechnologie in der Europäischen Union äußerst unterschiedlich.

Mit dem Wissenschaftstreffen wollen die Veranstalter für eine bessere und vor allem unbürokratischere Zusammenarbeit in Europa werben. Dazu steht die Überlegung im Raum, einen europäischen Forschungsrat zu gründen. Diesem Rat käme dann die Aufgabe zu, Geld an internationale Grundlagenforschung zu verteilen.

Doch damit Europa wirklich den Anschluss an den wissenschaftlichen Vorreiter USA schafft, will das Euroscience Open Forum 2004 vor allem eins klar machen. Carl Johan Sundberg:
„Europa muss spannender und dynamischer werden. Nicht nur um amerikanische Forscher zu locken und hier zu halten, sondern vor allem um Menschen überhaupt erst für Forschung zu begeistern."

Mit dem Profmobil nach Stockholm

Das versucht Malin Ringdahl mitten auf dem Sergels Torg, dem zentralen Platz: ”You have fifteen minutes to stay and listen and I will tell you about Stromboli!”

Wer 15 Minuten verweilen will, kann viel über den Vulkan Stromboli erfahren, Ringdahl spricht vom Profmobil zu den Leuten. Erfunden wurde es von Studenten aus Bremen. Die wohl kleinste mobile und befestigte Vortragseinheit. An einem Fahrrad ist eine kleine Rampe montiert, darauf ein kleines Pult und darüber ist ein weißes Segeltuch gespannt. Malin Ringdahl sieht darauf ein bisschen aus wie ein Pfarrer auf der Kanzel. Ein paar Meter weiter werden Drogen gedealt, so nah am Grosstadtleben kann Wissenschaft sein.

So soll es auch sein, sagt Kirsten Achenbach, die das Profmobil nach Stockholm gebracht hat. „Wir wollen wirklich mit allen reden und alle erreichen. Nicht nur den Professor, sondern auch den in Anführungszeichen kleinen Mann auf der Straße."

Malin Ringdahl, die Doktorandin der Geologie und Geochemie, erzählt auf ihrer Kanzel des Profmobils, wie der Stromboli entstanden ist, warum er Lava spuckt und zeigt die Bilder eines Ausbruchs. Und tatsächlich bleiben eine Handvoll Leute stehen. Björn Wiberg hat fast die ganzen 15 Minuten zugehört. „Das war interessant, etwas Neues über Vulkane zu erfahren. Man schafft es ja nicht immer, sich selbst mal weiter zu bilden. Das hier war eine gute Möglichkeit", sagt Björn Wiberg, der bei der Stockholmer Polizei arbeitet.

Einen Mann auf der Straße hat also die Wissenschaft also auf jeden Fall erreicht. Einer mehr, der bei Stromboli nicht nur an Ingrid Bergmann denkt, und wie sie im Film Stromboli völlig entkräftet über den Vulkan wandert…

Katja Güth/Liv Heidbüchel

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