Regierung zögert in Estonia-Frage

Die schwedische Regierung wird keine neue internationale Kommission zur Untersuchung des Untergangs der Estonia vorschlagen. Das sagte die zuständige Ministerin Mona Sahlin heute in einem Interview mit dem schwedischen Rundfunk. Stattdessen soll das bereits vorhandene Material der ersten Estonia-Untersuchung noch einmal ausgewertet werden, um die noch offenen Fragen zu klären.

Eigentlich wollte sich Mona Sahlin heute mit Vertretern aller Parteien im Parlament treffen, um das weitere Vorgehen in Sachen Estonia zu beraten. Doch daraus wurde nichts. Die stellvertretende Wirtschaftsministerin und in der Regierung Persson zuständige Frau für die Estonia-Katastrophe braucht noch Bedenkzeit.

Erst am Mittwoch waren nämlich erneut Forderungen laut geworden, den Fall noch einmal aufzurollen. Der frühere Vorsitzende der Internationalen Untersuchungs-Kommission zum Untergang der Estonia, Olof Forsberg, hatte gefordert, das Wrack des Unglücks-Schiffs zu bergen. Nur so könnten alle offenen Fragen geklärt werden. Das kommt laut Sahlin auf keinen Fall in Frage.
Und "Soweit ich das heute einschätzen kann - ohne dass ich mit den anderen Parteien gesprochen habe - ist die Forderung nach einer neuen Untersuchung der Katastrophe nicht berechtigt. Ausserdem ist das keine Frage, die nur Schweden betrifft. Aber wir haben eine Verantwortung, uns die Fragen der Angehörigen anzuschauen und einen Teil des Misstrauens auszuräumen."

Auch die Regierungen in Estland und Finnland, die zusammen mit Schweden die Katastrophe untersucht hatten, sind gegen einen neue Estonia-Kommission. Die schwedische Regierung könnte allein gar keine neue Untersuchung starten, selbst wenn sie es wollte. Stattdessen will Sahlin bereits vorhandene Daten noch einmal von Experten unter die Lupe nehmen lassen, um einen Teil der offenen Fragen zu klären.

So erhofft sie sich Erkenntnisse über den Verlauf des Untergangs. Ungeklärt ist zum Beispiel nach wie vor die Frage, wieso das Schiff so schnell sinken konnte. Im Bericht der Internationalen Kommission waren schwere See und Mängel am Bug-Visier des Schiffs genannt worden. Zahlreiche Experten halten diese Begründung für nicht ausreichend. Wiederholt war deshalb auch über eine Explosion spekuliert worden. Angehörige der Opfer, Schifffahrts-Verbände und Abgeordnete im Reichstag wollen eine neue Untersuchung - Forderungen, die die Entscheidung der Regierung nicht beeinflussen.

"Nein, da gibt es keine Einwirkung. Diese Fragestellungen werden ja auch in den Parteiberatungen berücksichtigt. Die Estonia-Frage sollte nicht zur Partei-Politik werden, sondern wir sollten zu einer gemeinsamen Auffassung kommen und den Angehörigen gemeinsam zuhören und sie ernst nehmen."

Mehr als 850 Menschen sind beim Untergang der Estonia auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm ums Leben gekommen. Gerüchte über eine Explosion an Bord erhielten vor einem halben Jahr zuletzt neue Nahrung, als der Amerikaner Greg Bemis und die deutsche Filmemacherin Jutta Rabe zum Wrack der Estonia getaucht waren. Nach Ansicht einiger Experten sind die von ihnen gefundenen Wrackteile durch Explosionen verformt worden. Aber sowohl Finnland und Estland als auch das schwedische Zentralamt für Seefahrt bezweifeln diese Ergebnisse.

© 2001 Radio Schweden

Markus Wetterauer

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