Zehn Jahre nach dem Estoniaunglück: Sicherheit auf See

Dass ein so großes Passagierschiff wie die Estonia überhaupt sinken konnte, dazu innerhalb von nur einer halben Stunde, lag nicht zuletzt an den unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen. Zehn Jahre nach dem schwersten Unglück der zivilen Seefahrt in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es immer noch Diskussionen darüber, welche Fehler gemacht wurden, und wie solche Fehler künftig vermieden werden können. 852 Menschen fanden beim Untergang der Estonia den Tod in der Ostsee.

Bei der Gedenkfeier für die Verunglückten in Stockholm mahnte Parlamentspräsident Björn von Sydow heute vor allem ans Erinnern: „Nicht zu vergessen bedeutet auch aus dem Geschehenen zu lernen. Das betrifft die Sicherheit auf See, die Rettungseinsätze, den Katastrophenschutz und die Aufarbeitung des Unglücks. Denn wir leben alle in der Angst, dass so etwas noch einmal passieren könnte."

Geringe Vorsichtsmassnahmen

Diese Befürchtung ist leider näher an der Wirklichkeit als viele wahrhaben möchten. Mehrere Experten sind sich darin einig, dass die Passagierschiffe auch heute noch zu schlecht für den Katastrophenfall gerüstet sind.

Einer der Kritiker ist Olle Rutgersson, Professor an der Technischen Hochschule Göteborg: „Die Schiffe haben im Grunde noch dieselbe Ausstattung wie die Estonia. Und die unterscheidet sich nicht sonderlich von der Titanic. Bei Sturm haben zum jetzigen Zeitpunkt sämtliche Passagierschiffe Probleme."

Auch der Vorsitzende der Schiffsoffiziergewerkschaft, Christer Lindvall, ist davon überzeugt, dass eine Havarie heute dieselben Folgen hätte wie vor zehn Jahren: „Es ist unmöglich, innerhalb so kurzer Zeit tausende Menschen zu evakuieren. Wir haben zwar das Werkzeug, aber nicht die Voraussetzungen."

Allerdings sind seit dem Untergang der Estonia mehrere Verbesserungen an den Passagierschiffen vorgenommen worden. So verfügen zum Beispiel alle Schiffe über eine Sicherheitswand im Bug. Sie soll verhindern, dass Wasser ins Innere strömt, wenn die Bugklappe beschädigt ist.

Überhöhte Geschwindigkeit

Genau das hatte die Estonia zum Sinken gebracht: Der Kapitän war mit schätzungsweise 16 Knoten durch die stürmische Ostsee gepflügt. Der starke Wellengang riss das Bugvisier ab, nur kurze Zeit später stand das gesamte Autodeck unter Wassser. Die Estonia bekam Schlagseite und sank nur eine halbe Stunde später. Das ergab zumindest der Bericht der staatlichen Havariekommission. Dass alles so schnell ging, wundert auch Christer Lindvall. Ihm zufolge hätte die Estonia rein theoretisch auch noch Stunden oder sogar Tage kieloben treiben können. Lindvall fordert wie viele andere eine neuerliche Untersuchung der Havarie. Nicht zuletzt, weil noch immer niemand zur Verantwortung gezogen wurde.

Weder die estnische noch die schwedische Regierung halten jedoch eine weitere Untersuchung für angezeigt. Die zuständige schwedische Ministerin Mona Sahlin glaubt, dass es keinen einzelnen Verantwortlichen geben kann: „Die Verantwortung liegt überall: An Bord, bei der Konstruktion, beim Kapitän. Manchmal gibt es keine einfache Antwort darauf, warum Katastrophen eintreten."

Liv Heidbüchel

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