Luciatåg
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Showtime am Lucia-Tag (Arkivbild: Pontus Lundahl/TT)
Lucia-Feier unter Protest (Foto: Tomas Oneborg /TT)
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"Verkleidet, objektifiziert = Nur für alte Säcke" - so in etwa die Übersetzung auf dem Protestplakat bei einer Lucia-Feier zu Skansen in Stockholm (Foto: Tomas Oneborg /TT)
(Foto: TT)
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Blond muss sie nicht mehr unbedingt sein, solange alle anderen Anforderungen erfüllt sind (Foto: TT)

Gibt es Hoffnung für Lucia?

"Es ist einfach nur furchtbar"
7:36 min

Schwedischer als die blonde Lucia im weißen Gewand und Kerzenkranz auf dem Kopf geht es eigentlich nicht mehr – soweit das Klischee.

Seit knapp 100 Jahren sind die Lucia-Feiern am 13. Dezember das wichtigste Ereignis der Vorweihnachtszeit. Ein liebgewonnener Brauch, von dem sich nun allerdings die allerwichtigsten Teilnehmer abwenden: die Lucia-Darstellerinnen selbst. Den öffentlichen Lucia-Feiern gehen die Kandidatinnen aus, allerorts in Schweden wird darum gebangt, ob die weltbekannte Weihnachtstradition noch eine Zukunft hat. 

Ob in Kindergärten, Schulen oder im Altenheim: Der Lucia-Umzug ist der Höhepunkt jeder vorweihnachtlichen Feier in Schweden. Mit festlich gekleideten Jungen und Mädchen im Gefolge erscheint Lucia, die Lichterkönigin. Im weißen Gewand mit rotem Band um die Hüfte und brennenden Kerzen auf dem Kopf trägt sie, in der sprichwörtlich dunklen Jahreszeit, symbolisch das Licht in die Welt.

Weihnachtstraum aller schwedischen Mädchen?

Bei so einer Prozession die Hauptrolle der Lucia übernehmen zu dürfen, das galt immer als der unangefochten größte Weihnachtstraum aller schwedischen Mädchen. Mit umso größerem Erstaunen, das bei so manchem in Entsetzen übergeht, wird deshalb nun die Nachricht vernommen, dass es landauf landab offenbar an Bewerberinnen für den Posten der Kerzen-Frau mangelt.

„Zum ersten Mal haben wir nicht genügend Teilnehmerinnen für den Lucia-Umzug zusammenbekommen, es ist einfach nur furchtbar“, so Björn Landin aus Östra Göinge im südschwedischen Skåne. Sein lokaler Lions Club arrangiert jedes Jahr die Lucia-Feierlichkeiten im Ort. „Diese bedeuten so unglaublich viel für unsere Gemeinde. Vor allem in den Altenheimen, wo die Bewohner jedes Jahr mit Tränen in den Augen den Lucia-Umzug betrachten.“

Kandidatinnen bleiben aus

Mehreren Gemeinden in Schweden wird die Lichtgestalt in diesem Jahr nicht erscheinen. In Lidingö bei Stockholm z.B. gab es nur eine einzige Bewerberin.  Das traditionelle Auswahlverfahren, mit dem die Gemeindebewohner über ihre Lucia abstimmen dürfen, konnte so zum ersten Mal seit 46 Jahren nicht durchgeführt werden.

„In den letzten Jahren hatten wir nie ein Problem mit zu wenigen Bewerberinnen. Ich hoffe also, dass dies kein anhaltender Trend ist. Auch beim Sternenmädchen-Chor konnten wir nicht genügend Sängerinnen in diesem Jahr zusammenkriegen“, so Roger Anbratt vom Lions Club in Lidingö.

Kein zeitgemäßes Schönheitsideal

Die um sich greifende Lucia-Müdigkeit scheint für die Veranstalter plötzlich und ohne Vorwarnung eingetroffen zu sein – für andere Beobachter kommt sie nicht weiter überraschend.  Ein blondes hübsches Mädchen, das sich in einer Art Schönheitswettbewerb  gegen andere Kandidatinnen durchsetzt, das sei einfach nicht mehr zeitgemäß in einer multikulturellen und auf Geschlechtergleichheit sensibilisierten Gesellschaft wie der schwedischen. Dies erklärt Agneta Lilja, Ethnologin an der Hochschule Södertörn, im Gespräch mit Radio Schweden.

„Es passt nicht zu heutigen Schönheitsidealen, es ist nicht mehr cool, und es passt auch nicht dazu, was die Mädchen heute in der Schule lernen. Nämlich, dass nicht ihr Aussehen, sondern ihre Kompetenz zählt. Gibt es ein paar Schülerinnen in der Klasse mit gutem Gespür für Gleichberechtigungsfragen, so verbreiten sie diese Ideen weiter mit der Folge, dass sich niemand mehr als Lucia bewerben will.“

Ganz so politisch und kämpferisch klingt es allerdings nicht, wenn man mit Stockholmer Schülerinnen spricht. „Ich kann nicht gut genug singen“, „hab kein Interesse daran“, „traue mich nicht, vor so vielen Leuten aufzutreten“, so die Reaktionen.

Blonde Schwedenmädels bevorzugt

Dass die Lucia-Feiern zu einer Art Schönheitswettbewerb wurden, begann nach Einschätzung von Ethnologin Agneta Lilja erst in den 1950er Jahren. Aus dieser Zeit stamme auch die Norm, dass nur eine blonde Schwedin als Lucia auftreten darf. Mittlerweile wird diese Norm nicht mehr allzu orthodox befolgt: Dunkelhaarige oder –häutige Lucias bringen heutzutage fast niemanden mehr groß aus der Fassung. Gleichzeitig besteht das Leitideal des herkömmlichen blonden Schwedenmädels weiter in den Köpfen, glaubt die Ethnologin.

Die christliche Figur der heiligen Lucia fand ihren Weg in den Norden Europas schon im 18. Jahrhundert und wurde damals schon in manchen Gegenden verehrt. Erst im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung erreichte der Brauch, wie er heute gepflegt wird, an ungemeiner Popularität. In der früheren Bauerngesellschaft Schwedens wurde der alte Tag der Wintersonnenwende noch ganz anders gefeiert, mit Lausbubenstreichen, Schnaps, wüsten Gesängen und Prügeleien. Ein Brauchtum, das darauf baute, dass sich jeder im Dorf kannte, und das eben nicht mehr funktionierte, als mehr und mehr Menschen in die Städte zogen.

Lucia-Debatten zur Primetime im Fernsehen

Wie wichtig der Lucia-Tag noch immer für Schweden ist, lässt sich letztlich auch an den erhitzten Debatten ablesen, die sich alljährlich an den Feierlichkeiten entzünden:  Foto-Verbote aus Rücksicht auf Kinder, deren Identität möglichweise geschützt ist. Eltern, die nicht zu Lucia-Feiern in den Kindergärten kommen dürfen, um so den hohen Erwartungsdruck der kollektiv anrückenden Verwandtschaft von den Kleinen zu nehmen. Schulrektoren, die neumodische Schöpfungen wie Wichtel oder Pfefferkuchen-Männchen aus der Lucia-Prozession verbannen wollen. Alles Ereignisse der letzten Jahre, die mit ausgiebigen Shitstorms im Internet quittiert und in Nachrichtensendungen und Talkshows zur Primetime diskutiert wurden.

In diesem Jahr war es Uma Lindström aus Skellefteå in Nordschweden, die für medialen Wirbel sorgte. Als Mädchen gab ihr die Schulleitung nur zwei Alternativen: Lucia-Jungfer oder die Lichterkönigin selbst. Uma aber wollte lieber Wichtel sein, eine Art Mini-Version des amerikanischen Santa Claus.

„Das hat mich ziemlich traurig und auch sauer gemacht, all die anderen Jahre durfte ich ja Wichtel sein“, so Uma, als sie vom Schwedischen Rundfunk interviewt wurde. „Erst sagten die Lehrer, dass es wegen der Tradition sei. Dann sagten sie, dass ältere Zuschauer kommen, die es verwirren würde, wenn ein Mädchen einen Wichtel spielt. Ich glaube das aber nicht, die alten Leute kommen doch, weil sie gerne der Musik zuhören“, so die Elfjährige. Ihre Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Sozialen Medien, die Schulleitung lenkte schließlich ein und so wird Uma in diesem Jahr als Wichtel auftreten.

Lucia hat eine bunte Zukunft

Die Lichterkönigin wird bis auf Weiteres die Gemüter in Schweden bewegen. Vor einem Absterben des Lucia-Brauchtums brauche man sich nicht zu fürchten, glaubt die Ethnologin Agneta Lilja. Dass es in Zukunft etwas bunter und weniger konventionell auf den Lucia-Feiern zugeht, daran müsse man sich allerdings gewöhnen.

„Kleinere Kinder sind ja nach wie vor hell begeistert von Lucia, und eben diese Kinder werden später neue Maßstäbe setzen. Wie in den Kindergärten auch werden künftig vielleicht an Schulen und bei Gemeindeveranstaltungen Jungs als Lucia auftreten. In den Kindergärten machen die Kleinen mit der Tradition was sie wollen, und das ist wunderbar. Wenn diese Kinder groß sind, werden sie für einige Veränderungen sorgen.“ 

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