Foto: Lennart Ackling/Sveriges Radio
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Zu wenige Sozialpädagogen – Kinder im Stich gelassen

"Schlecht auf die brutale Wirklichkeit vorbereitet"
3:37 min

Weil in den Sozialämtern von Schwedens Gemeinden zu wenige Sozialpädagogen arbeiten, bekommen viele Familien und vor allem Kinder nicht die Hilfe, die sie dringend benötigen. Sozialpädagoge ist zwar in der Theorie ein beliebter Beruf in Schweden, doch viele der gut Ausgebildeten schrecken vor der oft harten Wirklichkeit zurück, wenn sie das sichere Umfeld der Uni verlassen haben.

Der schreckliche Mord in Karlskrona an einer 8-Jährigen durch ihre Verwandten, der derzeit für Schlagzeilen in Schweden sorgt, hätte vielleicht verhindert werden können - wenn nur die Behörden aufmerksamer gewesen wären und tatkräftiger gehandelt hätten. 

Genau das aber ist das Problem in ungefähr jeder zweiten Gemeinde in Schweden, wie das Investigativ-Magazin „Kaliber“ des Schwedischen Rundfunks herausfand: Wegen des gravierenden Personalmangels beim Jugendamt kommen die Mitarbeiter nicht hinterher, viele Akten werden viel zu spät angelegt. Die Arbeitsbelastung ist einfach zu hoch, meint Sozialpädagoge Mario Hässledal, der in der südschwedischen Provinz Skåne als Familientherapeut arbeitet. 

„Erst kürzlich habe ich wieder mit einem Kollegen gesprochen, der hatte 70 Akten auf seinem Tisch“, erzählt Hässledal Radio Schweden. „Sicher sind nicht alle gleich arbeitsintensiv, aber zu den Empfehlungen des zuständigen Amtes passt das trotzdem nicht. Hat man mehr als 40 Fälle, kann man unmöglich noch eine gute Arbeit leisten. Sehr gut arbeitet man mit vielleicht 15.“ 

Arbeit bleibt liegen 

Im nordschwedischen Sundsvall sind derzeit vier Stellen beim Sozialamt unbesetzt. „Hier bei uns – und so ist es bestimmt überall - hängen wir mit der Neuanstellung ständig hinterher“, weiß  Karin Gustafsson. Die Sozialarbeiterin arbeitet in Sundsvall vorwiegend mit Problemfamilien und hat schon oft erlebt, dass Fälle auf unbestimmt verschoben werden. So manche Untersuchung kommt erst nach Monaten in die Gänge. 

Dass die gesetzlich vorgeschriebenen Fristen nicht eingehalten werden können, ist eine enorme Belastung, findet die Sozialpädagogin: „Wir schaffen es nicht, uns wirklich hinreichend mit den Familien, aber auch anderen, die die betroffenen Kinder kennen, zu unterhalten. Dadurch ist es schwierig herauszufinden, wie man den Kindern am besten helfen kann.“

In vielen Gemeinden ist die Zahl der Kinder, die professionelle Hilfe seitens der Sozialämter benötigen, in der jüngsten Zeit stark angestiegen. In der südschwedischen Kleinstadt Åmål hat sich die Zahl mit 150 Fällen fast verdoppelt. Sozialpädagogin Birgitta Keyser räumt ein: „Leider müssen wir zugeben, dass wir manchmal unseren gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben nicht nachkommen.“ 

Studieren ohne Bodenkontakt 

Mehr Personal muss also her. Stellen bleiben auch deshalb unbesetzt, weil nicht jeder Bewerber die Anforderungen des Amtes für Gesundheits- und Sozialwesen erfüllt. Sozialpädagogen gibt es zwar genug, meint Agneta Jöhnk, die bei der Schwedischen Vereinigung von Kommunen und Regionen für Arbeitgeberfragen zuständig ist. Die Ausbildung ist aber nicht gut genug, kritisiert sie.

„Junge Leute wollen einen Unterschied in der Welt machen und sich einsetzen, das beweist ja der Andrang der Studienplatzbewerber. Man könnte Studium und praktische Arbeit aber weit besser miteinander verbinden als das heute der Fall ist. Das Studium ist viel zu akademisch und bereitet nicht auf die brutale Wirklichkeit vor.“ 

In dieser brutalen Wirklichkeit fühlt sich so mancher Sozialpädagoge dann mit zu viel Verantwortung - auch in juristischen Fragen - allein gelassen. Hier könnten die Gemeinden als Arbeitgeber durchaus mehr tun, findet Agneta Jöhnk, etwa durch Mentoren, die die Arbeit der Neuen betreuen. In Jönköping zum Beispiel gibt es aber kaum alte Hasen. Der einzige Senior-Mitarbeiter hat gerade einmal ein gutes Jahr beim Sozialamt gearbeitet.

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