Erster Bericht über „apathische Kinder“ in Schweden

Immer mehr Flüchtlingskinder in Schweden sind nicht mehr ansprechbar und nehmen am Leben um sich herum wenig bis gar nicht mehr teil. Ein Krankheitsbild, das hierzulande unter dem Stichwort „apathische Kinder“ zusammengefasst wird und worüber in den letzten Monaten immer wieder heftig gestritten wurde. Eine erste Zusammenstellung der bisher registrierten Fälle im Auftrag der Regierung hat jetzt Einzelheiten im Krankheitsbild der betroffenen Flüchtlingskinder ermittelt.  

Seit dem Jahr 2003 sind in Schweden 410 Kinder aus Flüchtlingsfamilien ärztlich behandelt worden, weil sie Symptome von Apathie zeigen, 163 Kinder sind derzeit noch in Behandlung. Dieses Ergebnis teilte der Leiter der Untersuchung, Nader Ahmadi, am Mittwoch in Stockholm mit. Die Symptome reichen von der Weigerung, die Schule zu besuchen bis zum Dahinvegetieren im Bett, das eine künstliche Ernährung der Kinder nötig macht. In der Regel zeigen die Kinder die Symptome ein bis fünf Monate lang, Tendenz zunehmend, berichtet der Soziologiedozent Ahmadi, der die Studie im Auftrag der Regierung durchgeführt hat:

„Wir stellen eine deutliche Zunahme von Fällen fest. Auch konzentrieren sich die Fälle auf bestimmte Regionen. Die meisten apathischen Kinder kommen aus der früheren Sowjetunion und dem früheren Jugoslavien. Die Kinder zeigen verschiedene Symptome in unterschiedlicher Länge.“

Bei der Analyse des Krankheitsbildes stehen die Forscher noch ganz am Anfang. Es gibt weder eine wissenschaftliche Definition noch eine sichere Erklärung dafür, warum manche Kinder aus Flüchtlingsfamilien resignieren und nicht mehr ansprechbar sind. Dass jedoch die Umstände der Flucht eine Rolle spielen, liegt auf der Hand. In 70 Prozent der Fälle Eltern oder Geschwister selbst in medizinischer Behandlung wegen psychischer Probleme. Und auch die Unsicherheit, ob sie mit ihrer Familie in Schweden bleiben dürfen, kann eine Rolle spielen, so Nader Ahmadi:

„Unsere Untersuchung zeigt, dass dieser Bescheid für einige zu einer deutlichen Besserung der Symptome geführt hat. Andere haben überhaupt nicht auf die Nachricht reagiert, dass ihre Familie die Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat. Daher ist es schwer, aus den Ergebnissen allgemeingültige Schlüsse zu ziehen. Das werden wir uns noch genauer ansehen.“

Die zuständige Migrationsministerin, Barbro Holmberg, teilte mit, sie halte die Debatte um die apathischen Flüchtlingskinder für unglücklich. Es ginge hier nicht darum, ob alle oder kein apathisches Kind eine Aufenthaltsgenehmigung erhalte sondern um den Einzelfall. Und wenn ein Kind lebensbedrohliche Symptome zeige, würde es auch nicht ausgewiesen. Damit unterstrich Holmberg noch einmal die Linie, die der Reichstag Anfang April vorgegeben hatte: Damals hatte sich das Parlament gegen ein generelles Aufenthaltsrecht für alle Familien ausgesprochen, die apathische Kinder haben. Der Grundsatz, dass stets zum Besten für das Kind entschieden werden solle, bleibe jedoch bestehen.

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