1.500 obdachlose EU-Bürger leben auf den Straße Stockholms Foto: Åsa Stöckel/Sveriges Radio
1.500 obdachlose EU-Bürger leben auf den Straße Stockholms Foto: Åsa Stöckel/Sveriges Radio

1.500 obdachlose EU-Bürger in Stockholm

"Wie ein Kriegsszenario"
4:35 min

Die Zahl der obdachlosen EU-Bürger in Stockholm ist in den letzten zwei Jahren dramatisch gestiegen.

Drohende Armut in Südosteuropa treibt immer mehr Menschen in die schwedische Hauptstadt. Bettelnde EU-Bürger – die meisten von ihnen Angehörige der Roma aus Rumänien – sind mittlerweile ein gewöhnlicher Anblick im Stockholmer Stadtbild geworden. Trotz der drohenden Winterkälte und fehlender städtischer Notunterkünfte versuchen immer mehr mittellose Rumänen ihr Glück auf den Straßen von Stockholm.

„Die Menschen schlafen völlig offen auf den Bürgersteigen“, sagt Jorge Castellon, der für eine Kontaktgruppe der Stockholmer Stadtverwaltung arbeitet, gegenüber Radio Schweden. „In manchen Straßen in der Nähe des Zentralbahnhofs sieht es aus wie in einem Kriegsszenario. So etwas haben wir bislang in Stockholm nicht gekannt.“

1.500 obdachlose EU-Bürger

Mit seinem Team sucht Jorge Castellon den Kontakt zu den Obdachlosen und sammelt Informationen über ihre Situation ein. Das Kontaktteam schätzt, dass etwa 1.500 Menschen aus EU-Ländern wie Rumänien oder Bulgarien auf den Straßen von Stockholm schlafen und betteln. Vor zwei Jahren, als Castellon seine Arbeit bei dem Kontaktteam aufnahm, waren es noch nicht einmal halb so viele. Die große Mehrzahl stammt aus verarmten Gegenden in Rumänien und sind Angehörige der Roma. Als EU-Mitbürger steht ihnen die Einreise und ein zeitbegrenzter Aufenthalt von drei Monaten offen.

Die 52-jährige Elena (Name geändert, Anm. d. Red.) ist eine der 1.500 Rumänen und Rumäninnen, die sich dazu entschlossen haben, der drohenden Winterkälte im hohen Norden zu trotzen. Seit drei Monaten ist sie in Stockholm, erzählt Elena gegenüber Radio Schweden. Nachts schläft sie gemeinsam mit etwa zehn anderen Personen in einem Park in der Innenstadt. Derzeit herrschen noch Temperaturen um den Gefrierpunkt, in wenigen Wochen schon könnte das Quecksilber auf lebensgefährliche Minustemperaturen sinken.

4 Euro am Tag

Dass es kalt werden würde in Stockholm, dessen war sich Elena bewusst. Eine andere Wahl, als hierher zu kommen, habe sie aber nicht gehabt. Ihre Familie sei hochverschuldet nach einem Hausbrand, ihre sechs Enkel müssten irgendwie versorgt werden. An einem Tag könne sie etwa 40 Kronen, also umgerechnet fast 4 Euro durch Betteln zusammenkriegen. Die meisten Passanten würden ihr Essen anstatt Geld geben, sagt Elena, und bietet dem Reporter eine Banane an.   

Neben der Kälte drohen den Obdachlosen noch andere Gefahren. So manches provisorisch zusammengezimmerte Zeltlager ist in den letzten Monaten Brandstiftern zum Opfer gefallen. Wer hinter solchen Anschlägen steckt, kann die Polizei meist nicht ermitteln. Der Verdacht fällt in der Regel auf erboste Anwohner, gewaltbereite Rechtsextreme oder auch auf rivalisierende Gruppen aus Südosteuropa.

Vor allem diejenigen, die offen auf den Straßen der Innenstadt ihre Schlafsäcke ausrollen, sind besonders ausgesetzt, wie Jorge Castellon sagt: „Sie schlafen gleich neben den Kneipen, viele betrunkene Menschen gehen an ihnen vorbei. Beleidigungen sind da an der Tagesordnung, manchmal auch Übergriffe. Sie werden angespuckt, getreten und vieles andere.“

Was tut die Stadtverwaltung?

Verschiedene Hilfsprojekte sind in manchen Städten ins Leben gerufen worden. In Göteborg etwa bemüht sich die Stadtverwaltung um die Schulbildung mitgereister Kinder. In Stockholm öffnete vor knapp zwei Jahren eine Notunterkunft, die sich speziell an EU-Bürger wendet, die ansonsten nur schwerlich in Obdachloseneinrichtungen Unterschlupf finden können.  

Neue Schlafplätze einzurichten sei eine Frage, der die Stockholmer Stadtverwaltung hohe Priorität einräume. Dies sagte die für Sozialfragen zuständige Bürgermeisterin Åsa Lindhagen. „In ganz Schweden haben wir inzwischen dieselbe Situation wie in Stockholm. Solche Armut haben wir seit vielen Jahrzehnten nicht mehr in Schweden gesehen. Viele Menschen sind der Ansicht, dass dies eine Frage von äußerster Wichtigkeit ist. Wir müssen Ambitionen entwickeln, um diese Gruppe von Menschen stärker zu unterstützen. Auch die Stadt Stockholm muss daran mitwirken, dass sich die Situation für die betroffenen Menschen  in ihren Heimatländern verbessert.“

25 neue Schlafplätze seien bereits beschlossen, so die Bürgermeisterin. Angesichts der 1.500 obdachlosen EU-Bürger wirken diese aber nur wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.  

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