Zahl der Überstunden wächst

Schwedens Wirtschaft geht es offenkundig besser als der deutschen. Einer der Gründe ist die höhere Produktivität. Doch diese höhere Produktivität wird teuer erkauft. Denn ein immer größerer Anteil an Schwedens Waren und Dienstleistungen wird durch Überstunden produziert. Und die werden immer seltener entlohnt. Jetzt schlägt die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, TCO, Alarm.

In ihrer Untersuchung kommt die Gewerkschaft TCO zu einem erschreckenden Ergebnis: Schwedens Beschäftigte auf dem Dienstleistungssektor machen so viele Überstunden, dass rund 20.000 Vollzeitjobs davon geschaffen werden könnten. Besonders Eltern von kleinen Kindern schuften über Tarif. Diese Entwicklung sei bedenklich für den gesamten schwedischen Arbeitsmarkt, warnt Mats Essemyr, Arbeitszeitexperte bei der Gewerkschaft TCO:

„Es gibt eine Gruppe von Arbeitnehmern, die immer mehr und immer härter arbeitet. Und dann gibt es noch eine andere Gruppe, die etwa aufgrund von Krankschreibungen nicht arbeitet. Beides führt letztlich zu mehr Stress und zu einem schlechter funktionierenden Familienleben.“

Angst vor Arbeitslosigkeit 

Aus Angst, den Job zu verlieren, machten immer weniger Angestellte ihren Anspruch auf bezahlte Überstunden geltend – zur Freude der Arbeitgeber. Denn durch das wachsende Überstundenpensum kann sich ein Unternehmen sparen, neue Mitarbeiter anzustellen. Schließlich erledigen die alten Mitarbeiter bereits den Job von Zweien.

Allerdings warnen Experten vor den langfristigen Konsequenzen dieser Entwicklung. Wer jahrelang ohne Ausgleich Überstunden anhäuft, läuft Gefahr, körperlich und seelisch auszubrennen. Und die Kosten des Burnout-Syndroms trägt wiederum die gesamte Volkswirtschaft.

Alternative Arbeitsformen 

Entsprechend appelliert das Institut für Arbeitnehmerfragen, über alternative Arbeitsformen wie Arbeitszeitverkürzung nachzudenken. Lennart Hallgren vom Institut befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Problem des Burnout-Syndroms:

„Man hat versucht, die Arbeitszeit zu reduzieren, etwa über das Sabbatjahr. Das ist eine gute Lösung für diejenigen, deren Gesundheit auf dem Spiel steht. Und das schlage ich schon seit 15 Jahren vor. Dennoch gibt es weiterhin politische Einwände.“

Auf lange Sicht wird die schwedische Wirtschaft nicht umhin kommen, über die Nebeneffekte ihrer gepriesenen hohen Produktivität nachzudenken. Ein umfassender Perspektivenwechsel deutet sich jedoch derzeit nur vage an.

Alexander Schmidt-Hirschfelder

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista