Aktuelles Thema vom 01.08. 2001

Homosexuelle feiern Politfestival ”Stockholm Pride”

Die schwedische Hauptstadt gehört bis zum kommenden Sonntag den Lesben und Schwulen. Zum traditionellen Politfestival ”Stockholm Pride” werden wieder Zehntausende Besucher erwartet. In einer Umfrage spricht sich eine Mehrheit der Schweden für eine Gleichstellung der ”Homo-Ehe” mit der heterosexuellen Ehe aus. Schwule und lesbische Paare sollen auch kirchlich heiraten dürfen.


Punkt 17.00 eröffnete Gewerkschaftschefin Wanja Lundby-Wedin das Spektakel. 10 000 Besucher werden in diesem Jahr in Stockholm erwartet. Und die wachsende schwul-lesbische Gemeinde wird heftig umworben. Politiker aus allen Parteien geben sich die Ehre. Auf der traditionellen Pride-Parade am Samstag wollen zwei leibhaftige Minister mitmarschieren und selbst die Fraktionsvorsitzende der wertkonservativen Christdemokarten hat sich zum Streitgespräch angemeldet. Für die Veranstalter ist der Erfolg von ”Stockholm Pride” ein Spiegel für die gesellschaftliche Entwicklung, hin zu einer natürlichen Toleranz gegenüber Homosexuellen. Kritiker meinen hingegen, das Festival werde zunehmend vom Kommerz geprägt und entferne sich immer weiter von seinen Wurzeln. ”Pride”, also ”Stolz” wurde Ende der 60er Jahre zum Slogan der Bürgerrechtsbewegung. Es ging um den Kampf gegen Diskriminierung und für die internationale Solidarität. Auf der Stockholmer Schwulenparade spiele die Politik jedoch kaum noch eine Rolle, beklagen einige enttäuschte Anhänger, die aus Verärgerung das alternative Festival ”Shame” gegründet haben.
Zwar ist Schweden mit seiner Gesetzgebung sehr viel weiter als etwa Deutschland, wo sich homosexuelle Paare erstmals ihr Partnerschaft vor dem Standesamt eintragen lassen dürfen. In vielen Bereichen bestünden die Diskriminierungen aber fort, meint Sören Andersson, Vorsitzender des Zentralverbands für sexuelle Gleichberechtigung:

”Es geht um Versicherungen, es geht um die Gesetzgebung zur Ehe und um das Familienrecht überhaupt. Es geht Unterrichtsinhalte in den Schulen, um eine angemessene Gesundheitsversorgung. Wir sprechen aber auch über homosexuelle Einwanderer, die in Länder zurückgeschickt werden, wo sie vielleicht getötet werden.”

Außerdem werde die Homosexualität nur in den wenigsten Fällen als Asylgrund anerkannt, sagt Andersson.
”Was das angeht muss die Einwanderungsbehörde ihre Praxis grundlegend ändern. Es kann passieren, dass beispielsweise einem homosexuellen Flüchtling aus dem Iran gesagt wird, er könne gefahrlos zurückkehren. Wir wissen aber, dass Menschen im Iran mit dem Tode bestraft werden können, wegen ihrer homosexuellen Neigungen.”

Seit 1994 können Homosexuelle in Schweden eine registrierte Partnerschaft eingehen. Fast 2 000 Paare haben davon bislang Gebrauch gemacht. Eine völlige Gleichstellung mit der Ehe ist allerdings noch nicht realisiert. Keiner Glaubensgemeinschaft in Schweden ist es bisher erlaubt, die rechtsgültige Trauung zu vollziehen. Justizminister Thomas Bodström will jetzt einen Schritt weitergehen. Künftig soll das Ja-Wort homosexueller Paare in der Kirche volle Rechtsgültigkeit erlangen. Der Konflikt mit den Bischöfen ist vorprogrammiert. Nicht einmal für die Segenssprechung wollen die meisten Kirchenfürsten homosexuellen Paaren die Kirchen überlassen. Doch jüngste Umfragen geben dem Minister Rückenwind. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Sifo würde es eine satte Mehrheit der Schweden begrüßen, wenn Homosexuelle kirchlich heiraten dürften.

Reporter:Alexander Budde,
© 2000 Radio Schweden

Alexander Budde

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