Aktuelles Thema vom 2.8.2001

Entbindungsplätze fehlen


Im vergangenen Jahr wurden gut 2000 Kinder mehr in Schweden geboren als im Jahr zuvor. Doch statt neue Entbindungsplätze einzurichten, wurden ganze Abteilungen für Geburtshilfe geschlossen. Und besonders angespannt ist die Situation derzeit in der schwedischen Hauptstadt. Die Kritik an den mangelhaften Verhältnissen für Gebärende hat jetzt auch die großen Zeitungen erreicht und Politiker in der Urlaubszeit zur Wortmeldung gezwungen.

Die Boulevardzeitung Expressen ließ Bilder sprechen: Anfang der Woche prangte auf ihrer Titelseite das Foto eines Fahrstuhls in sterilem Metall, erleuchtet vom kalten Licht der Neonröhren. In diesem Aufzug des Krankenhauses Södersjukhus in Stockholm hat im Februar eine Frau ihr Kind zur Welt gebracht. Der Grund: Entbindungsplätze und Personal reichen nicht aus, um alle Frauen in Stockholm zu versorgen. Seit vor fünf Jahren die Geburtshilfe-Stationen in zwei Krankenhäusern der Stadt geschlossen wurden, ist die Nachfrage allein im Södersjukhus um die Hälfte gestiegen. Experten schätzen, dass derzeit rund 6000 Geburtsplätze in der Hauptstadt fehlen.

Wer für diesen Abbau des Wohlfahrtsstaates die Verantwortung übernehmen soll, darüber streiten sich die Politiker, genauer gesagt die sozialdemokratische Regierung Schwedens mit der von bürgerlichen Parteien dominierten Stadtverwaltung in Stockholm. Letztere beschloss im März den Aufbau zweier privater Geburts-Kliniken - die Fortsetzung einer bürgerlichen Politik, die schon kommunale Wohnungen und Sozialdienste privatisiert hat. Doch über die Anfänge ist das Vorhaben bisher nicht hinausgekommen, auch wenn man die sich zuspitzende Situation hätte voraussehen können, kritisiert die stellvertretende Ministerpräsidentin Lena Hjelm-Wallén in einem Pressegespräch. Sie wirft der Stockholmer Stadtverwaltung vor, sie hätte ihre drei Jahre an der Macht zu Steuersenkungen genutzt, anstatt die Probleme zu lösen.

Diese Vorwürfe weist Stadtrat Stig Nyman von den Christdemokraten zurück. Er behauptet, die derzeitige Stadtverwaltung sei zunächst damit beschäftigt gewesen, die Kürzungen ihrer sozialdemokratischen Vorgänger wieder rückgängig zu machen. Gut eine Milliarde Mark hätte man seit 1998 ins Gesundheitswesen gepumpt.

Einig sind sich die beiden Kontrahenten aber in einem Punkt: Dass die Situation ernst ist und dass sie einen solchen Sommer wie diesen auf den Entbindungsstationen nicht noch einmal erleben wollen.

Agnes Bührig

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