Ex-Nazis und -Faschisten im Parlament

Ein weiteres Stück schwedischer Vergangenheitsbewältigung scheint sich anzubahnen. Ein neues Buch gibt Belege dafür, dass frühere Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg in Schweden Minister wurden. Damit könnte eine Diskussion über die dunklen Kapitel der schwedischen Vergangenheit wieder angeheizt werden.

"Eines der wichtigsten konservativen Parlamentsmitglieder - ein früherer Faschist - traf auf dem Weg zur Toilette den ehemaligen Nazi und damaligen Zentrumspolitiker, P.O. Sundman. 1945 versuchten die beiden gemeinsam Kriegsverbrecher durch Schweden zu schmuggeln. Als sie sich in der Parlamentstoilette treffen, macht Sundman den Hitlergruss und sagt ’Heil mein Führer’. Für ihn war das ein Witz."

Der schwedische Autor Bosse Schön ist mit einem neuen Buch herausgekommen. "Där järnkorsen växer", ungefähr "Wo die Eisenkreuze wachsen", heißt es. Darin nennt er mehrere hohe schwedische Politiker, - darunter zwei Minister - die in ihrer Jugend faschistischen oder nationalsozialistischen Organisationen angehörten.
Damit möchte er die öffentliche Diskussion über Faschisten in Schweden erneut entfachen und zweierlei zeigen, sagt er:

"Erstens, wie unerhört peinlich es in unserem Parlament zugegangen ist, seit dem Krieg. All dieses Totschweigen…" bedauert Schön. "Wir haben ja nie darüber geredet. Und zweitens können wir jetzt untersuchen, welche Konsequenzen es gehabt hat, dass alle diese Ex-Nazis einander gegenseitig in der Hand hatten. Diese Männer und Frauen haben nie begriffen, dass ihre private Geschichte auch die Geschichte Schwedens ist."

Die unangenehmen Seiten seiner eigenen Geschichte hat Schweden lange mit dem Mantel des Schweigens zugedeckt. Erst in den letzten Jahren hat man sich damit auseinandergesetzt, dass die Stockholmer Regierung im Zweiten Weltkrieg Züge mit deutschen Soldaten und Waffen von und nach Norwegen passieren ließ. Obgleich das Land offiziell neutral war. Juden, denen die Flucht gelang, wurden nach Deutschland zurückgeschickt. Die schwedische Zentralbank hatte bis kurz vor Kriegsende Geschäfte mit Deutschland. Teilweise wurde sie vermutlich mit konfisziertem jüdischem Gold bezahlt. Alles Dinge, an die man sich nicht gerne erinnert.
Vor einem Jahr musste man sich eine weitere unbequeme Wahrheit ins Gedächtnis rufen: mehr als 250 junge Schweden, hatten Hitler den Treueeid geschworen und in der Waffen-SS gedient. Die öffentliche Diskussion über Faschisten in Schweden kam erneut in Gang.
Auslöser waren Recherchen von Bosse Schön gewesen. Sie sorgten für innen- und außenpolitischen Druck auf die Regierung . Politiker nahezu aller Parteien sprachen sich damals dafür aus, die Rolle schwedischer Soldaten in Hitlers Armeen zu erforschen. Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Israel äußerte diesen Wunsch.
Das Material zu Schöns neuem Buch kann man als ein Ergebnis dieses Drucks betrachten. Denn Bosse Schön erhielt die Möglichkeit, in den bis dahin geschlossenen Archiven der schwedischen Geheimpolizei SÄPO Akten einzusehen und zu forschen. Das sollten Historiker und Politiker auch tun und bearbeiten, welche Rolle Schweden beim Holocaust spielte, fordert Schön.
In seinem neuen Buch schreibt er, dass die SÄPO Soldaten in deutschem Dienst während und nach dem Krieg überwachte. Sie galten als Gefahr für die Staatssicherheit. Einige dieser früheren Soldaten werden heute noch überwacht, schreibt Schön. Angaben über ihre Verbindungen zu heutigen Neonazis allerdings sind geheim.

Sybille Neveling

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