Mord an der Tochter

Ein Mord, ein so genannter ”Ehrenmord”, erschüttert Schweden. Ein kurdischer Familienvater hat in der Nacht seine Tochter erschossen, vor den Augen der Mutter und der Schwester. Die 26-jährige Fadime hatte ihre letzten Jahre unter Morddrohungen der Verwandtschaft verbracht.

Der 56-jährige Vater hat den Mord an der Tochter gestanden. Die junge Frau war seit Jahren von Verwandten mit dem Tode bedroht worden, weil sie nicht nach den Traditionen der Familie leben wollte. Die Behörden hielten ihren Wohnort geheim. Sie glaubte, sie sei endlich frei, sagt ihr Anwalt Leif Ericsson: ”Sie sagte immer, das ist jetzt mein Leben, ich habe es überstanden. Ich hatte den Eindruck, sie fühlte sich sicherer als noch vor vier Jahren.”

Schon einmal musste die Polizei Fadime vor Vater und Bruder in Sicherheit bringen. Das Amtsgericht verurteilte die Männer, weil sie die junge Frau schwer misshandelt und ihr schließlich mit dem Tod gedroht hatten. Grund für den Hass war Fadimes schwedischer Freund, den die Familie nicht akzeptierte.

Sherzad Saleh ist Vorsitzender der kurdischen Vereinigung in Uppsala. Erklärungsversuche: ”In der alten Gesellschaft, da hatten die meisten Männer die Kontrolle über die Familie. Und wenn sie hierher kommen, haben sie Angst, diese Kontrolle zu verlieren”, sagt Saleh. ”Verlieren sie ihre Macht, kommt es zu solchen Taten. Doch es hilft ja nicht: Niemand erhält seine Ehre zurück. Man verliert die Tochter und die Freiheit”.

Niemand konnte den Tätern Einhalt gebieten. Fadime wurde auch nach dem Gerichtsurteil verfolgt, der Bruder für eine erneute Misshandlung angeklagt. Gestern Nacht dann fielen die tödlichen Schüsse im mittelschwedischen Uppsala, wo ihr der Vater in der Wohnung der Schwester aufgelauert hatte.

Ihr Anwalt Leif Ericsson beschreibt Fadime als ungewöhnlich stark: So hatte sie in aller Öffentlichkeit über ihre Erfahrungen berichtet, wollte anderen Frauen in gleicher Lage helfen. Und es gelang ihr, ein eigenes Leben aufzubauen. Nicht mehr lange und sie hätte ihr Studium als Volkswirtin abgeschlossen. Doch Leif Ericsson meint, der Mord wäre kaum zu verhindern gewesen: ”Man hätte Fadine verstecken müssen - und sie stand ja auch unter Bewachung. Aber sie wollte es selbst nicht. Sie wollte leben, wie ein gewöhnliches schwedisches Mädchen”.

Blankes Entsetzen auch bei Schwedens Integrationsministerin Mona Sahlin, die nun prüfen lässt, ob Polizei und Behörden alles getan haben, um der jungen Kurdin zu helfen. Sahlin kannte Fadime und ihre traumatischen Erlebnisse von gemeinsamen Auftritten vor der Presse.

”Ich fühle mich verzweifelt und zornig zugleich”, so Sahlin heute. ”Weil Fadime eine schöne, mutige Frau war, die so vielen Frauen ein Vorbild war, und weil ich den furchtbaren Druck kenne, den die Verwandten auf die Familie ausübten. Es ist nicht nur der Vater, der seine Tochter gemordet hat, es sind auch jene Leute, die gegen die Tochter gehetzt haben. Heute ist niemand unschuldig. Wir haben die Probleme dieser Mädchen nicht ernst genommen”.

Alexander Budde

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