Glückliche Kuh?

Astrid Lindgren machte sich für Tiere stark

Die Zeiten ändern sich: 1994, bei den EU-Beitrittsverhandlungen, wurde Schweden noch als störrischer Newcomer belächelt. Der Grund: das Land bestand auf Garantien für wirksamen Salmonellen-Schutz. Inzwischen zeigt sich Brüssel von schwedischen Tierhaltungsmethoden beeindruckt. Dass die schwedische Durchschnittskuh glücklicher ist als die deutsche, daran hat die Kinderbuchkönigin Astrid Lindgren entscheidenden Anteil.

Zufriedene Tiere und sichere Verbraucher sieht man in Schweden als zwei Seiten einer Medaille. Beispiel: die Rinderseuche BSE. Bisher ist hier kein Fall bekannt. Bereits 1986 verbot Schweden aus ethischen Gründen die Verfütterung von Kadavermehl, das ja inzwischen als möglicher BSE-Auslöser gilt. 1987 verzichteten die Bauern freiwillig auf die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer, 1991 kam ein entsprechendes Gesetz.

Wütende Tiere

Vorausgegangen war eine landesweite Debatte über ethische Tierhaltung, angestoßen vom Nationalheiligtum Astrid Lindgren. 1985 schockte sie die Landsleute mit einer Artikelserie in der Zeitung „Expressen”. Astrid Lindgren dazu: „Ich interviewte verschiedene Tiere, Hühner zum Beispiel, Schweine und andere Tiere, und fragte sie, wie sie sich denn so fühlten. Es zeigte sich, dass sie allesamt enorm wütend waren und fanden, sie würden sehr schlecht behandelt. Ich erinnere mich auch, dass ich einen Artikel schrieb darüber, dass Gott aus seinem Himmel herabstieg, um zu schauen, wie gut es denn seinen lieben Tieren gehe. Er bat mich, ihn zu begleiten und an einen Ort zu führen, wo es viele Tiere gebe. Ich nahm ihn mit zu einem Schlachthof, wo die Schweine mit Stromstößen vorangetrieben wurden, um das Töten schön schnell abzuwickeln.”

Wütende Reaktionen

Eine Schweinerei, fanden die Leser. Die Artikelserie löste in Schweden einen Sturm der Empörung und intensive Debatten darüber aus, was der Mensch den von ihm ausgebeuteten Tieren zumuten dürfe. ”Der Ministerpräsident besuchte mich an meinem 80. Geburtstag und versprach ein neues Tierschutzgesetz, und er hat Wort gehalten. Nun haben es die Tiere tatsächlich viel besser, aber es gibt noch viel zu tun,” so Astrid Lindgren.


Das Gesetz von 1988 schreibt vor, dass landwirtschaftliche Nutztiere so gehalten werden müssen, dass sie ihr natürliches Leben beibehalten können. Dazu gehört ausreichend Platz für jedes Tier im Stall. Kühe haben das Recht, im Sommer auf der Wiese zu weiden; Schweine dürfen nur zeitweilig festgebunden werden. Zwar bleiben in der Praxis noch einige Wünsche offen; so gilt das Weiderecht nicht für Kälber. Und das Totalverbot der Legehennenbatterien, 1988 für einen Zehnjahreszeitraum in Anspruch genommen, ist noch immer nicht durchgesetzt.


Dennoch gilt Schweden mit dem Gesetz und seiner praktischen Anwendung weltweit als Vorreiter. Auf eine weitere Pionierrolle verweist Ingrid Nordlander vom Zentralamt für Lebensmittelwesen: ”1986 führte Schweden im Futtermittelgesetz das vollständige Verbot der Anwendung von Antibiotika zu Wachstumszwecken ein. Dabei hatte man die Gesundheit von Tier und Mensch im Auge. Vor allem wollte man natürlich die Antibiotika-Resistenz aggressiver Bakterien mindern.”

Teure Praxis

Als Schweden der EU beitrat, wurde dem Land zunächst nahe gelegt, dieses Antibiotika-Verbot zu den Akten zu legen. Doch sich häufende Fälle eben von Bakterienresistenz sorgten für ein Umdenken: Inzwischen hat die Union für eine Reihe von Wachstumsbiotika ebenfalls Verbote verhängt. Auch in puncto Salmonellen-Kontrollen konnte sich Schweden durchsetzen: Lieferungen aus anderen EU-Ländern müssen auf Druck Schwedens hin strengen Kontrollen unterzogen werden. In der Praxis weisen diese Kontrollen freilich manchmal Mängel auf, 80 bis 90 Prozent der registrierten Fälle von Salmonellenvergiftung gehen auf Fleischimporte zurück.


Die strengen Tierhaltungsbestimmungen kosten natürlich Geld.

Astrid Lindgren, so ist manchmal zu hören, komme Schwedens Bauern teuer zu stehen. Letztlich natürlich auch die Konsumenten - von Fleischpreisen wie im deutschen Supermarkt kann man hier nur träumen. Doch wie die jüngsten Ereignisse zeigen, kann es aus solchen Träumen ein böses Erwachen geben.

Anne Rentzsch

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