Dilemma: Ausländische Kinderehen

In Schweden darf heiraten, wer das 18. Lebensjahr erreicht hat. Ausländische Bürger sind davon laut einem Gesetz von 1904 davon allerdings ausgenommen und dürfen auch als Minderjährige heiraten. Deshalb gibt es auch in Schweden verheiratete Kinder. Von der UNO kritisiert und von Kinderorganisationen dazu aufgerufen, arbeitet das Justizministerium nun an einer Änderung des Gesetzes.

Rosengård in Malmö ist die ”Welt en miniature”, ein Stadtteil, in dem Bevölkerungsgruppen nahezu aller Kontinente zu Hause sind. In der Schule von Rosengård sind fast alle Kinder ausländischer Herkunft. In diesem Herbst haben in Rosengård mindestens acht Schülerinnen geheiratet. Mindestens, weil die genaue Zahl nicht bekannt ist, die Familien halten die Eheschließungen in der Regel geheim. Die acht haben nicht so ohne weiteres geheiratet, sie sind von ihren Familien verheiratet worden.

Ingrid Hansson arbeitet seit vier Jahren als Kuratorin der Rosengårdschule. Der extremste Fall einer Kinderehe, der ihr bekannt ist, betrifft Laila: ”Laila war zwölf Jahre alt, als sie das erste mal verheiratet wurde. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr hat sie dann noch drei weitere Ehen geschlossen und ein Kind bekommen. Vier Ehen in nur vier Jahren, das ist natürlich extrem, die Situation an sich jedoch ist nicht ungewöhnlich, jedes Jahr haben wir hier an der Schule Mädchen, die ähnliche Erfahrungen machen”.

Zu diesen Erfahrungen gehört auch die frühe Mutterschaft.
Von den acht verheirateten Mädchen an der Rosengådschule sind zwei im Alter von 13 und 14 Jahren schwanger.

Eine andere Schülerin, die 15-jährige Fatme ist seit kurzem mit dem Cousin ihrer Mutter, einem 22-Jährigen, verlobt. Sie hat ihren Zukünftigen getroffen und mit ihm gesprochen. Heiraten möchte sie nicht, bevor sie nicht 18 oder 19 ist.
So wie Fatme denken die meisten der jungen Mädchen, denen von ihren Familien die Ehe aufgezwungen wird. In Rosengård in Malmö sind es vor allem Kinder der Roma und Sinti sowie Kinder aus arabischen Familien, in Einzelfällen aus Jugoslawien oder Afghanistan, stellt Kuratorin Ingrid Hansson fest: ”Alle Mädchen, mit denen ich zu tun habe, wollen mit der Ehe warten, bis sie 18 sind. Sie wollen dieselben Rechte und Voraussetzungen wie ihre schwedischen Mitschülerinnen. Alle anderen schwedischen Gesetze gelten ja für sie auch, warum nicht das schwedische Ehegesetz.”

Das ist der wunde Punkt. Für schwedische Staatsbürger ist die Eheschließung erst ab dem 18. Lebensjahr gestattet. Laut einem Gesetz von 1904 sind jedoch im Ausland geschlossene Ehen, auch Ehen zwischen Minderjährigen, rechtsgültig. Schweden legalisiert auf diese Weise die Kinderehe. Agne Gustavsson, Politologe an der Universität von Lund, macht auf die juristischen Folgen aufmerksam: ”Das bedeutet, dass die betroffenen ausländischen Kinder in Schweden eine schlechtere juristische Ausgangslage haben als die schwedischen. Das Kinderhilfswerk UNICEF hat Schweden dafür 1999 bereits kritisiert.”

Seitdem liegen dem Parlament Vorschläge für Gesetzesänderungen und Anfragen an Justizminister Bodström vor. Seitdem steht der Minister unter Druck, das Gesetz schnellstens zu ändern. ”Das Problem ist, dass unsere Gesetzgebung und die einiger anderer Länder nicht übereinstimmen” erläutert Bodström. ”Wenn wir einseitig das Gesetz ändern, kann es passieren, dass eine Person in ihrem Herkunftsland als verheiratet gilt und bei uns als ledig.”

Im Nachbarland Norwegen will man dieses Problem mit Hilfe von bilateralen Abkommen lösen. Norwegen steht kurz vor der Unterzeichnung einer Vereinbarung mit Pakistan, die die rechtliche Stellung verheirateter pakistanischer Jugendlicher in Norwegen verbessern soll. Im Nachbarland war man auf das Problem aufmerksam geworden, als das Rote Kreuz in Oslo vor acht Monaten eine Kontaktstelle für Zwangsverheiratete einrichtete. Mehr als 300 verzweifelte Jugendliche kamen, um sich Rat und Beistand zu holen.

Verträge mit Ländern, die die Kinderehe zulassen, wäre das eine Möglichkeit auch für Schweden? Im Justizministerium arbeitet man an lieber an einer Gesamtlösung, d.h. an einer Änderung der schwedischen Gesetzgebung. Verträge mit einzelnen Ländern sind zunächst nicht vorgesehen, erklärt Dag Matsson im Stockholmer Justizministerium. Völlig ausschließen will der Pressesprecher des Ministeriums diese Möglichkeit jedoch nicht. Es könnte sein, dass Schweden seine Gesetzgebung mit entsprechenden bilateralen Übereinkommen ergänzen muss, wenn zum Frühjahr der Vorschlag auf dem Tisch liegt.

Bis dahin kann die 15-jährige Fatme aus der Rosengårdschule in Malmö nur hoffen, dass ihr die Zwangsehe erspart bleibt: ”Ich bin ja noch so jung und ich möchte gern weiter zur Schule gehen”.

Gundula Adolfsson

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