Tausende auf Trauerfeier für Fadime

Die Ermordung einer 26-jährigen Kurdin durch den eigenen Vater hat in Schweden eine heftige Debatte über die Ausländerpolitik und die Forderung nach schärferen Gesetzen ausgelöst. Nach langem Familienstreit hatte Rahmi Sahindal, seit drei Jahren schwedischer Staatsbürger, in Uppsala seine Tochter erschossen. Die junge Frau hatte sich beharrlich ihrer Zwangsverheiratung widersetzt und öffentlich für die Gleichberechtigung junger muslimischer Frauen geworben. Das brachte ihr so etwas wie einen Kultstatus in der schwedischen Frauenbewegung ein, aber auch massive Drohungen und Misshandlungen der männlichen Familienmitglieder. Tausende Schweden nahmen heute mit einem Trauergottesdienst Abschied von Fadime Sahindal.

 

Uppsala heute Mittag. In der alten Domkirche wollte sie begraben sein, und heute folgten Tausende Schweden ihrem schwarzen Holzsarg in das Gotteshaus, getragen von jungen Frauen aus der Familie und dem Freundeskreis. Es war ein emotionaler Abschied, eine letzte Ehrerweisung für Fadime, mit Tausenden weißen Nelken, gespendet von Bürgern aus dem ganzen Land, und den von ihr geliebten Popsongs.

Dompröbstin Tuulikki Koivunen spricht von einem Martyrium der jungen Kurdin, die mit ihrer Kraft und ihrem Beispiel vielen anderen Frauen Mut gemacht habe. Die 700 Jahre alte Kirche ist bis zum letzten Platz gefüllt. Draußen drängen sich Hunderte im Freien, um die Zeremonie zu verfolgen, die auch im Fernsehen übertragen wird. Dutzende Angehörige sind erschienen, aber auch Kronprinzessin Victoria und Integrationsministerin Mona Sahlin.

Die Sozialdemokratin hatte nach dem Mord männliche Fundamentalisten aus dem Familienumfeld mitverantwortlich gemacht, zugleich aber die eigenen Integrationsbemühungen kritisiert. Der Schutz junger Frauen vor tradierten Moralvorstellungen sei nicht ernst genug genommen worden.

Noch während die Trauerfeier für Fadime andauert, sagt im Hochsicherheitssaal des Stockholmer Amtsgerichts eine 14-jährige Türkin gegen ihren Vater aus. Dieser habe ihr mit dem Tode gedroht, weil sie sich auf dem Gymnasium in einem Schweden verliebt hat. Die Familie lebt seit über 30 Jahren in Schweden, alle Kinder sind hier geboren. Wegen der Drohungen ist der Vater in erster Instanz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Sein Anwalt, Henrik Olsson, ist in die Berufung gegangen. ”Das ist ein Streit zwischen Tochter und Vater”, sagt Olsson. ”Sie hat ihre Pflichten nicht erfüllt und stellt jetzt den Vater ganz falsch dar, als plane er ein Verbrechen”.

Elisabeth Fritz, die Anwältin des Mädchens, meint dagegen, die Parallelen zum Fall Fadime seien offensichtlich: ”So argumentieren sie immer. Ein Verbrechen wollen sie nicht begangen haben, denn sie wollen ja nur das Beste für ihr Kind”.

Ausgerechnet Migrantenorganisationen und kurdische Intellektuelle haben dem liberalen Schweden nach dem Mord ”naiven Respekt gegenüber Kultur und Religion von Einwanderern” vorgeworfen. Und sie haben Konsequenzen gefordert, zum Beispiel ein Schleierverbot für Mädchen unter 16, den Stopp der Beschneidung von Jungen und das Ende der Religionsschulen. Unterdessen fühlen sich immer mehr Einwanderer-Mädchen von Familienangehörigen bedroht. Wie der Schwedische Rundfunk in einer Umfrage herausgefunden hat, haben allein in der südschwedischen Provinz Västra Götaland 30 junge Frauen Hilfe bei den Sozialbehörden gesucht. Im ganzen Land ist von Hunderten Fällen die Rede.

Alexander Budde

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