Deportation jüdischer Frauen und Kinder ins Konzentrationslager Auschwitz 1944 (Foto: TT)
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Deportation jüdischer Frauen und Kinder im Konzentrationslager Auschwitz 1944 (Foto: TT)
Lena Posner-Körösi, Vorsitzende der Judischen Gemeinde Stockholm (Foto: Anders Wiklund / TT )
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Lena Posner-Körösi vor der Synagoge von Stockholm (Foto: Anders Wiklund / TT )
70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Deutsche Zurückhaltung am Auschwitz-Gedenktag

„Ritualisierte Gedenktage erreichen nicht mehr die Jüngeren“
4:26 min

Heute am Dienstag wird der Opfer des Holocaust gedacht, auch in Schweden finden zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. Von den großen deutschen Einrichtungen in Schweden hält allerdings keine eine eigene Gedenkveranstaltung am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ab, wie Radio Schweden in Erfahrung gebracht hat.

Die Aufarbeitung soll nicht nur auf einen speziellen Tag beschränkt werden, so der Tenor der Interviews. Auch wollen deutsche Repräsentanten tunlichst den Eindruck vermeiden, dass sie sich an diesem Tag plakativ in den Vordergrund drängen wollen. Aus Gründen der Demut, wie Valle Wigers, Pressesprecher der deutschen Botschaft in Stockholm erklärt:    

„Es gilt, mit großer Demut an solchen Veranstaltungen teilzunehmen“, so Wigers gegenüber Radio Schweden. Der deutsche Botschafter werde als Gast an der Gedenkfeier in der Stockholmer Synagoge teilnehmen, dort aber nicht selbst eine Rede halten. „Es gilt das Diktat der Bescheidenheit, und wir sind auch nicht eingeladen, dort etwas zu sagen. Wer da redet, das ist eine Entscheidung des Veranstalters. In diesem Fall der Jüdischen Gemeinde.“

Holocaust-Überlebende im Vordergrund

Außer dem Botschafter Israels, der so gut wie jedes Jahr zum Gedenktag spricht, wird auch der US-Botschafter ausnahmsweise eine Rede halten dürfen. Ansonsten berücksichtige das Programm vorrangig die Vertreter von Organisationen der Holocaust-Überlebenden, wie Lena Posner-Körösi, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Stockholm, erklärt:

„Wir haben ein Programm von nur einer Stunde. Das Wichtigste ist die Anwesenheit, und es ist sehr gut, dass der deutsche Botschafter die Veranstaltung mit seiner Anwesenheit ehrt. Es war aber nie vorgesehen, dass er dort auch eine Rede halten würde.“      

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz wird das schwedische Königspaar sowie die gesammelte Politikprominenz des Landes die Stockholmer Synagoge besuchen. Ministerpräsident Löfven ist einer der Hauptredner, mehrere Minister werden erwartet, und auch die Vorsitzenden aller Parteien – abgesehen von den rechtspopulistischen Schwedendemokraten – haben eine Einladung erhalten. Linkspartei-Chef Sjöstedt ist der Einzige, der der Einladung nicht folgen wird. Er werde stattdessen auf einer parteiinternen Internet-Konferenz auftreten, teilte Sjöstedts Pressesprecher Radio Schweden mit.

Keine deutschen Sonderveranstaltungen

Auch an anderen Orten Schwedens wird den Opfern der NS-Verbrechen gedacht – fast 70 Veranstaltungen finden landesweit am Dienstag statt. Das Gedenken erstreckt sich von kleineren Manifestationen über Themenabende an Schulen oder in Gemeindezentren. Manchen Ortes reicht es schon, Spielbergs „Schindlers Liste“ einem jüngerem Publikum vorzuführen.

An der ältesten deutschen Institution in Schweden, der Deutschen Schule in Stockholm, wird es keine Sonderveranstaltung am 27. Januar geben. Stattdessen haben Schüler der neunten Klasse jedes Jahr die Möglichkeit, einen Überlebenden des Holocaust zu treffen; die NS-Vergangenheit wird bereits in Unterrichtsprojekten in der Unterstufe aufgegriffen. Die Erinnerung an Auschwitz sei eine kontinuierliche Aufgabe – nicht nur am 27. Januar, wie der Leiter der Deutschen Schule, Gerhard Eikenbusch erklärt:

„Ich glaube, dass Gedenktage eine wichtige Erinnerungsfunktion haben. Eine Schule kann aber nicht nur von isolierten Gedenktagen alle 10, 50, 100 Jahre leben. Wenn es sich um eine so wichtige Frage handelt, so muss es ein Element kontinuierlicher Erinnerung und Bearbeitung sein, und das versuchen wir im Unterricht und außerunterrichtlichen Veranstaltungen zu machen.“

Auschwitz-Überlebende Hédi Fried am Goethe-Institut

Auch das Goethe-Institut in Schweden hält es ähnlich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Am Jahrestag der Befreiung wird das Kulturinstitut der Bundesrepublik keine gesonderte Veranstaltung organisieren, stattdessen wird im April ein Abend mit der Autorin und Auschwitz-Überlebenden Hédi Fried auf die Beine gestellt.

„Auf die jüngere Generation kann man mit ritualisierten Gedenktagen nicht mehr so gut einwirken“, sagt der Leiter des Goethe-Instituts in Schweden, Rainer Hauswirth.  „Eher geht es darum, Ansatzpunkte zu finden zwischen dem, was vor 70-75 Jahren geschehen ist, und unserer heutigen Realität.“

Eben diese heutige Realität macht es auch so notwendig, das Gedenken an Auschwitz aufrechtzuerhalten, sagt Lena Posner-Körösi von der Jüdischen Gemeinde:

„Rechtsextreme marschieren, Islamisten verüben Terroranschläge gegen Juden und die Demokratie in Europa. Mehr denn je müssen wir an die Grauen des Holocaust erinnern. Daran, was Menschen anderen Menschen im Namen einer Ideologie antun können.“

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