Bahnbrechendes Urteil zum Kinderschutz

In Sachen Kinderschutz gilt Schweden weltweit immer noch als Vorbild. Und ein außergewöhnliches Urteil des Amtsgerichts Huddinge untermauert Schwedens Ruf als kinderfreundlichstes Land der Welt. Danach verletzt es die Würde des Kindes, wenn es mit ansehen muss, wie sich seine Eltern schlagen. Mit diesem Richterspruch schlägt Schweden ein neues Kapitel der Kinderrechte auf.

Der Fall ist so einfach wie brutal: Vater schlägt Mutter, und das vor den Augen der Kinder. Nach bisheriger Rechtspraxis drohte dem Vater, wenn überhaupt, eine Bestrafung wegen Gewalt in der Ehe. Das Amtsgericht Huddinge jedoch legte jetzt ein Gesetz aus dem Jahr 2000 neu aus. Paragraf 4a des schwedischen Strafgesetzes regelt nämlich die Ahndung von Verletzung der Würde. Und da befand der zuständige Richter: Es verletzt die Würde der Kinder, wenn sie Zeuge ehelicher Gewalt werden. Nach Ansicht der Beauftragten für Kinderschutz, Lena Nyberg, ist das ein bahnbrechender Urteilsspruch:

„Endlich werden auch solche Kinder als Gewaltopfer eingestuft, die Gewalt nicht physisch sondern psychisch erleben. Das ist ein wichtiger Schritt. Zugleich befürchte ich aber, dass das Urteil angefochten wird. Deswegen ist es am besten, das Gesetz zu verschärfen, um die Würde des Kindes noch besser zu schützen.“

Häusliche Gewalt trauriger Alltag 

In den betreffenden Fall muss der Vater dreieinhalb Jahre ins Gefängnis, möglich wären bis zu sechs Jahre Haft gewesen. Nun wird sich zeigen, ob weitere Richter bei ähnlichen Fällen dem Urteilsspruch des Amtsgerichts Huddinge folgen. Entsprechende Klagen liegen zuhauf vor. Denn in Schweden gehört häusliche Gewalt mittlerweile zum traurigen Alltag, beklagt die Kinderschutzbeauftragte Lena Nyberg:

„Die Dunkelziffer ist sehr hoch, aber genaue Zahlen haben wir leider nicht. Deswegen ist es gut, dass über das Thema öffentlich gesprochen wird. Denn die betroffenen Kinder schämen sich meist, über ihre Erlebnisse zu berichten.“

Schweden als Vorreiter

Zum Schutz der Würde des Kindes sei es daher wichtig, dass Schweden mittels strengerer Rechtsauslegung schärfer gegen direkte wie indirekte Gewaltausübung in der Familie vorgeht, meint die Kinderschutzbeauftragte. Das Land könne hierbei einmal mehr eine Vorreiterrolle spielen:

„Gewalt in der Familie tritt leider in den meisten Ländern auf der ganzen Welt auf. Schweden und Europa sind schon so weit gegangen, häusliche Gewalt gegen Frauen stärker zu verfolgen. Jetzt ist es an der Zeit, nicht nur physische, sondern auch psychische Gewalt an Kindern zu bekämpfen.“

Unabhängig davon, ob das Urteil von Huddinge angefochten wird - mit dem Richterspruch zum Schutz der Würde des Kindes hat Schweden seinem Ruf als kinderfreundlichsten Land der Welt vorerst wieder alle Ehre gemacht.

Alexander Schmidt-Hirschfelder

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