Hintergrund

Staatlicher Anstoß im Land der Innovationen

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Schweden gilt als Musterland in Sachen Innovation und Forschung, bei der Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Forschung hapert es aber noch.

Ein neues Gremium mit Ministerpräsident Stefan Löfven an der Spitze soll die Kooperationen nun verbessern. Ob das prominent besetzte Gremium aber wirklich zu neuen Innovationen führen wird? Für Christian Sandström, Dozent an der Technischen Universität Chalmers in Göteborg, stehen einige Fragezeichen hinter diesem Vorhaben.

„Das Potenzial eines solchen Innovationsrates ist sicherlich groß. Es ist nur richtig, wenn Politiker aus der Gesellschaft Impulse bekommen. Die Politiker sollten aber nicht diejenigen sein, die darüber bestimmen, welche Probleme gelöst werden sollen. Die Agenda wird so nämlich nicht richtig gesetzt. Dies zeigt sich etwa nun bei der ersten Sitzung des Rates, bei der die staatliche Risikokapitalfinanzierung geprüft wird. Vielmehr sollten sie sich anschauen, warum privates Risikokapital im Vergleich zu 2013 nur noch ein Drittel ausmacht“, so der Innovationsexperte Sandström im Gespräch mit Radio Schweden.

Land der Innovationen

Von einer Innovationskrise in Schweden kann wahrlich nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil: im jüngsten Ranking über die Innovationskraft aller EU-Staaten stand Schweden ganz an der Spitze, vor Dänemark, Deutschland und Finnland. Die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind überdurchschnittlich hoch, zahlreiche schwedische Errungenschaften oder Weiterentwicklungen haben das Alltagsleben der Menschen verändert. Der Reißverschluss, der Dreipunktgurt im Auto, der Herzschrittmacher oder der verstellbare Schraubenschlüssel sind einige historische Beispiele. Errungenschaften aus der Neuzeit sind etwa der Musikstreaming-Dienst Spotify, die Internettelefon-Software Skype oder auch der Fahrradairbag „Hövding“.

Grundsätzlich habe Schweden mit seinen vielen Hochschulabsolventen und staatlicher Förderung sehr gute Voraussetzungen, um auch weiterhin an der Innovationsspitze zu stehen. Ein Problem sei jedoch, dass dieses Potenzial nicht ausreichend in neue, wachsende Unternehmen münde, so Sandström.

„Dieses Missverhältnis zwischen dem In- und Output wird manchmal auch das schwedische Paradox genannt. Dass die Unternehmen Schwierigkeiten haben, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden und nur schleppend wachsen können. Dies müsste sich der neue Innovationsrat ansehen.“

Kampf der sinkenden Konkurrenzkraft

Der guten Stellung in Sachen Innovation zum Trotz verliert die Konkurrenzkraft Schwedens immer mehr den Anschluss. Im Konkurrenz-Ranking des Weltwirtschaftsforums rutschte Schweden in nur acht Jahren von Platz zwei auf den zehnten Platz ab. Eben hier soll der neue nationale Innovationsrat, der am Dienstag erstmals zusammengetreten ist, ins Spiel kommen. Eigene Vorschläge sollen hier nicht entworfen werden, vielmehr ist der Rat als Plattform gedacht, auf der höchste Regierungsvertreter mit Forschern, Wirtschaftsvertretern und Gewerkschaften über neue Ideen diskutieren sollen. Für den Wirtschaftsprofessor Hans Lööf von der Königlich-Technischen Universität KTH eine sinnvolle Idee:

„Man kommt weg von der Vorstellung, wirtschaftliche Konkurrenzkraft werde vor allem durch Steuersenkungen geschaffen. Stattdessen will man die Konkurrenzkraft durch neue Produkte stärken. Dies ist eine wichtige Verschiebung der Schwerpunkte, nicht zuletzt deshalb, weil es um die schwedische Produktivität und den langfristigen Zuwachs schlechter bestellt ist als früher“, so Hans Lööf gegenüber Radio Schweden.

Neue Innovationen meist in Privatunternehmen 

Die meisten Innovationen in Schweden – 80 Prozent, wie eine Studie von Christian Sandström von der Universität Chalmers zeigt – werden nicht an den Universitäten hervorgebracht, sondern in der Privatwirtschaft. Letztlich können diese beiden Seiten aber nicht völlig voneinander getrennt werden, da Universitäten Wissen hervorbringen, aus dem wiederum Privatunternehmen Innovationen schaffen. Eine gute Innovationspolitik ziele darauf ab, die Situation der Unternehmen zu verbessern, so Sandström. In eben diese Kerbe schlägt auch die Opposition mit ihrer Kritik an Ministerpräsident Löfvens neuem Gremium:

„Die Unternehmen brauchen konkrete Beschlüsse, die ihren Alltag erleichtern“, so der wirtschaftspolitische Sprecher der Konservativen, Lars Hjälmered. „Der Vorschriftendschungel muss gelichtet, das Steuersystem neu überdacht werden. Unternehmen wachsen vor allem durch konkretes Handeln.“

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