Schweden läuft vorneweg

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Niemand in der EU treibt so viel Sport wie die Schweden. Zunehmend beliebt ist das Joggen. Jeder fünfte Schwede geht mindestens einmal pro Woche laufen. Warum bloß? Radio Schweden hat eine Laufgruppe bei ihrem Training begleitet.

Das Wetter ist das, was man ungemütlich nennt. Aber trotz des Nieselregens bei gerade einmal knapp über Null Grad haben sich neben den beiden Trainern drei Läuferinnen eingefunden. Henrik Samuelsson trainiert seit fünf Jahren im altehrwürdigen Verein Hässelby SK im Westen Stockholms und erklärt im Schutz eines Bushaltehäuschens, worauf es heute ankommt: Intervalltraining steht auf dem Programm. Kurz nach 19 Uhr geht es auch schon los.

Åsa Brolin läuft zweimal pro Woche allein, montags ist die Laufgruppe dran.

„Laufen macht einfach Spaß, man bekommt gute Laune“, erzählt Brolin, die Redakteurin einer Zeitschrift für Hausbesitzer ist, beim Aufwärmen. Trainer Henrik geht es genauso. „An manchen Tagen fühlt es sich leicht an, und genau diese Tage will man ja erleben. Da fühlt man sich fast unsterblich.“ „Frei und stark“, fasst Åsa zusammen.

Feier mit Marathon

Lange Zeit plagte sie eine Zerrung im Oberschenkel und hielt sie vom Laufen ab, jetzt ist die 45-Jährige wieder voll da und trainiert für den Marathon im September in Médoc im Südwesten Frankreichs.

„Meine beste Freundin und ich kennen uns dieses Jahr 30 Jahre und das wollen wir mit einem Marathon feiern. Das wird bestimmt eine tolle Reise.“

Auch in Schweden finden jede Menge Läufe statt. Stolz verkünden die Veranstalter, dass die beliebten Wettläufe wie der Stockholmer Marathon oder der Halbmarathon in Göteborg jedes Jahr schneller ausgebucht sind. Auch bei den Läufen über 10 km steigt die Teilnehmerzahl kontinuierlich. „Die Schweden laufen um ihr Leben“ lautete die Überschrift zu einem einschlägigen Artikel schon vor einigen Jahren. Und ein Ende des Trends ist nicht abzusehen, denn: Die Schwelle zum Joggen ist niedriger als bei anderen Sportarten.

Ein Sport für alle

Ohne Probleme lässt sich das Laufen zum Beispiel mit dem Leben als berufstätige Mutter von zwei kleinen Kindern vereinbaren, findet Kerstin Andersson. Die 44-Jährige läuft seit zwei Jahren einmal pro Woche, mit der Laufgruppe im Verein will sie nun an ihrem Laufstil feilen.

„Mein Mann arbeitet von zu Hause aus, und wenn ich von der Arbeit komme, steht das Essen schon auf dem Tisch. Das spart eine Menge Zeit. Ich will gerne mein Tempo verbessern, damit ich mit meinem achtjährigen Sohn mithalten kann. Er hat ja eine ganz andere Geschmeidigkeit als seine alte Mutter.“

Über Kerstin Anderssson ist auch Emily Lamm zum Laufen im Verein gekommen, und die Montage sind inzwischen so etwas wie das Highlight der Woche geworden, erzählt sie. Dieses Jahr hat sich die 32-Jährige für vier Wettrennen angemeldet. Gleichbedeutend mit Stress ist das aber nicht, denn die Läufe haben den Charakter von Volksfesten – das ist in Schweden wie überall auf der Welt.

„Wenn man als ganz normaler Freizeitsportler in die Gänge kommt, sollte man sich darüber freuen, dass man überhaupt wieder in die alten Trainingsschuhe schlüpft. Das müssen dann keine Barfußschuhe sein und auch keine Kompressionsstrümpfe. Man sollte genießen, dass man rauskommt und nicht darüber nachdenken, ob man jetzt die richtigen Klamotten anhat. Joggen muss ja nun wirklich kein Ausrüstungssport sein, auch wenn es das leider für viele ist.“

Laufen ohne Tick

Eine ausgeleierte Trainingshose sucht man in Schweden, zumal in der Hauptstadt, vergebens. Doch dass so mancher Läufer eine verkrampfte Einstellung zu seinem Hobby hat, hält Trainer Henrik Samuelsson für die Ausnahme – auch wenn er selbst von Rotebeete-Saft gestählt mehrere Marathons pro Jahr bewältigt.

„Die meisten bei uns im Verein sind nicht überdreht. Ich bin auch kein Absolutist, sondern esse ganz normal und gönne mir auch ab und zu ein Glas Wein. Die wenigsten sind richtige Gesundheitsfaschisten.“

Für Sportfanatismus haben die Schweden aber offensichtlich eine Menge übrig – zumindest aus Sicht der vergleichsweise unsportlichen europäischen Nachbarn. Laut Eurobarometer nämlich trainieren im EU-Durchschnitt nur gut 40 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal pro Woche. Schweden belegt mit 70 Prozent der Aktiven den Spitzenplatz.

Soziales Happening

Für Henrik Samuelsson und seine Laufgruppe kommt aber die Freude an erster Stelle.

„Das Laufen ist für uns ein sozialer Treffpunkt, denn wir unterhalten uns ja viel. Wenn man sich dann ohne Trainingsklamotten im Centrum trifft, erkennt man sich vielleicht nicht gleich wieder, aber beim Laufen haben wir eine tolle Gemeinschaft.“

Der Rest der Truppe pflichtet ihm bei und heimst noch ein Lob ein.

„Super tüchtig seid ihr alle gewesen, trotz des nassen, matschigen Wetters! Richtig gut!“

Und dann, so darf man glauben, freuen sich alle auf den nächsten Montag.