In den ewigen Fischgründen

”Die Fischbestände der Ostsee stehen vor dem Kollaps”, ”Hering und Dorsch bald ausgestorben”, ”die Anreinerstaaten plündern die See”: Nur einige Schlagzeilen, die in den letzten Tagen die Aufmacherseiten der schwedischen Zeitungen beherrschten. Biologen fordern jetzt einen radikalen Kurswechsel, um eine mögliche ökologische Katastrophe in der Ostsee abzuwenden.

”Die Politik hat versagt”, meint Sture Hansson von der Universität Stockholm. Bei einer Anhörung des parlamentarischen Umweltausschusses schlug der Meeresbiologe vor, über Fangquoten und Schutzprogramme künftig im Umwelt- statt wie bislang im Landwirtschaftsministerium zu beraten. Seit vielen Jahren warnen Forscher vor der rücksichtslosen Ausbeutung der Meeresfrüchte, aber sie haben kaum Gehör gefunden. Hansson und seine Wissenschaftskollegen meinen, dass es weder die schwedische Landwirtschaftskomissarin Margareta Winberg noch die Ministerkollegen in den Ostsee-Anreinerstaaten geschafft haben, den Fischbestand zu erhalten.

Vor allem der Dorsch sei sowohl in den östlichen, wie den westlichen Fanggründen bedroht, klagt P.O. Larsson, Professor am Institut für Meereskunde im südschwedischen Lysekil. Viele Biologen sind überzeugt, dass nur ein totales Fangverbot für Dorsch für ein oder zwei Jahre die Bestände retten kann. Doch ein solches Moratorium würde die schwedischen Berufsfischer in eine Existenzkrise treiben, auch wenn das Land gerade einmal mit sechs Prozent an der Trawler-Flotte auf der Ostsee vertreten ist.

”Das ist ein Dilemma”, räumt Larsson ein. ”Wenn wir die Fischgründe für zwei Jahre sperren, dann müssen sich die Fischer neue Arbeit suchen. Dann wird es keine Fischer mehr geben, wenn wir den Bann aufheben. Andererseits muss etwas getan werden. Ich glaube nicht, dass wir ein totales Fangverbot brauchen, aber wir brauchen niedrigere Quoten und weitere Maschen in den Netzen, damit sich die Bestände erholen können”.

Immer größer wird die Sorge, dass sich das gesamte Ökosystem der Ostsee dramatisch ändern könnte. So beobachten Wissenschaftler seit gut zehn Jahren, dass die Heringe immer schmaler werden - ein Phänomen, dass nicht länger nur mit fettlösenden Umweltgiften wie DDT oder PCB oder dem sinkenden Salzgehalt der Ostsee erklärt werden kann. Offenbar spielt auch die massive Ausbeutung des Dorschs eine Rolle. Denn diese hat wiederum zu einem rapiden Anwachsen der Sprotten-Population und damit zu einer größeren Konkurrenz um tierisches Plankton - der Nahrungsgrundlage aller Fische - geführt. Solche Wechselwirkungen könnten auch erklären, warum sich manche Fischbestände auch nach jahrelangen Fangverboten nicht erholen.

”Es gibt nur eine See”, sagt Larsson, doch die Fischereipolitik der EU folge noch all zu oft nationalen Interessen. ”Ein großes Problem sind die baltischen Fischer”, meint der Experte. Sie fischten viel mehr, als ihnen in der EU-Zone zustehe und verkauften nach Dänemark, Deutschland und Schweden.
”In Dänemark machen die Fischer nur, was man ihnen sagt”, so Larsson weiter. ”Aber in Schweden ist die Situation besser, da sind die Fischerverbände ganz unserer Meinung, dass es geringere Quoten und breitere Netze geben muss. Und auch in Deutschland ist das Bewusstsein für das Problem besser geworden. Schweden und Deutschland sind heute viel einiger in diesen Fragen, als noch vor einem Jahr”.

Alexander Budde

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