Umstrittene Familienzusammenführung

Alleinstehende Angehörige von Einwanderern werden sich vielleicht wieder in Schweden niederlassen können. Unter einer Bedingung allerdings, ihre Familien müssen den Unterhalt in den ersten zwei Jahren finanzieren. Diesen umstrittenen Vorschlag macht eine parlamentarische Kommission Reichstag und Regierung.

Der typische Fall ist die alte Mutter, die allein in der Heimat lebt und deren Kinder nach Schweden ausgewandert sind. Sie soll ihren Lebensabend bei ihrer Familie in Malmö, Stockholm oder Göteborg verbringen können. Aber auch Minderjährige und andere alleinstehende Angehörige, dürfen nach Schweden kommen. Denn Familienzusammenführung ist aus humanitären Gründen wichtig, findet Mona Sahlin, Ministerin für Integrationsfragen. ”Ich glaube nicht, dass es die Integration hier erleichtert, wenn die alte Mutter oder die Geschwister in einem fernen Land leben. Dann macht man sich Sorgen. Der Zuzug von Angehörigen ist wichtig.”

Der Vorschlag, der jetzt auf dem Tisch der Integrationsministerin liegt, sieht auch stärkere Kontrollen vor, um unseriöse Einwanderung zu unterbinden: zum Beispiel DNA-Analysen, um sicherzustellen, dass die nachgeholten Personen auch wirklich Verwandte sind. Auch die Einwanderung durch arrangierte Ehen soll nicht möglich sein.

Die Familie ist auch verpflichtet, den Neuankömmling mit Kost und Logis zu versorgen, bis die endgültige Aufenthaltsgenehmigung erteilt ist. Das dauert im allgemeinen zwei Jahre. Bei anderen Ausgaben, wie Arzt- oder Krankenhauskosten springt während dieser Zeit Vater Staat ein. Dennoch befürchten einige Mitglieder des parlamentarischen Komitees, dass die Zusammenführung von Familien nun zu einer Finanzfrage wird. Die Einwandererfamilie muss es sich leisten können, ein weiteres Mitglied jahrelang mit durchzufüttern.

Und es gibt noch mehr Kritik. In dieser Woche haben Tausende von Schweden an Trauerfeiern für eine junge Kurdin teilgenommen. Sie wurde wegen ihrer westlichen Lebensweise von ihrem Vater erschossen. Der mehrere hundert Mitglieder starke Clan in Uppsala sei den Normen und Traditionen der alten Heimat offenbar noch stark verhaftet und habe sich nicht in die schwedische Gesellschaft integriert, meinen viele. Und dieser Clan ist kein Einzelfall. Viele Einwanderer leben weitgehend isoliert. Sogenannten Ehrenmorde und auch Kinderehen kommen in Schweden öfter vor.

Soziologe Massoud Kamali hat die Familienzusammenführung in Schweden lange untersucht. Er befürchtet, dass Erleichterungen bei der Familienzusammenführung zu mehr Isolation und weniger Integration für die Einwandererfamilien führen: ”Es ist unlogisch, wenn sich ein ganzes Dorf gemeinsam in einem Wohngebiet in Schweden niederlässt. Oder wenn ein Clan von 400 oder 500 Personen in einer Stadt wohnt. Dann trifft man sich mit seinen alten Bekannten, pflegt die alten Beziehungen ohne neue zur schwedischen Gesellschaft zu knüpfen. Die Integration wird dadurch schwerer.”

Kamali ist der Ansicht, dass dann die Loyalität zur Verwandtschaft wichtiger ist als demokratische Wertvorstellungen, Gleichberechtigung, Menschenrechte und die Zugehörigkeit zum neuen Heimatland. Deshalb spricht sich der Soziologe gegen Erleichterungen bei der Familienzusammenführung aus.

Sybille Neveling

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