Elternlose Flüchtlinge in schlechter Obhut


400 elternlose Kinder warten zur Zeit in Schweden darauf, dass ihr Asylantrag anerkannt wird. Ein erster Anlaufpunkt ist dabei das Aufnahmelager in Carlslund vor den Toren Stockholms. Dieses ist jetzt in die Kritik geraten. Im letzten halben Jahr haben dort acht Kinder versucht, sich das Leben zu nehmen. Ausserdem stehen einige der Minderjährigen im Verdacht, der Prostitution nachzugehen. Über die Frage, wer für die beklagenswerten Verhältnisse zuständig ist, zanken sich derzeit die verschiedenen Behörden.

Der Streit wird derzeit zwischen dem schwedischen Gemeindetag und der Einwanderungsbehörde "Migrationsverket" ausgetragen. Die Vertretung der Gemeinden in Schweden sieht Lücken im Gesetz. Es sei nicht klar geregelt, welche Gemeinde als Heimatgemeinde für ein asylsuchendes Kind ohne Eltern zuständig ist. Damit stehe nicht fest, wer die Kosten für die Suche nach einer geeigneten Unterbringung übernehme. Das Migrationswerk hält dagegen. Es sieht die offene Verteilungsfrage als internes Problem der Gemeinden an. Um mehr Klarheit zu schaffen, hat sich jetzt Migrationsminister Jan O Karlsson zu Wort gemeldet: "Die Kommune muss die Suche nach Wohnungen unterstützen, die das Migrationswerk dann verwaltet. Diese Behörde ist für die Aufnahmelager verantwortlich. Was die psychische Verfassung der Kinder hat, liegt die Verantwortung jedoch im schwedischen Gesundheitswesen."

Und genau das scheint überfordert mit der Betreuung der minderjährigen Flüchtlinge. Bis zum Beginn dieser Woche wurden 60 Kinder in Räumlichkeiten versorgt, die für 18 Asylsuchende ausgelegt sind. Das hat dazu geführt, dass manche Schutzsuchenden auf dem Flur übernachten mussten. Bereits vor zwei Wochen meldete die Psychologin Marie Hessle die Misstände beim Migrationswerk an, bis heute hat sie keine Antwort erhalten. Kein Wunder, schliesslich sieht man an oberster Stelle die Gründe für die Misere auch an ganz anderer Stelle, wie Migrationsminister Jan O Karlsson am Montag im schwedischen Rundfunk mitteilte: "Ich verstehe, dass es Probleme gegeben hat, aber ich möchte unterstreichen, dass diese Probleme nicht durch Carlslund geschaffen wurden, sondern durch das Ausland."

Bei der bürgerlichen Opposition hat diese Äusserung zu starken Reaktionen geführt. Der Vorsitzende der Christdemokraten, Alf Svensson, hat die Regierung prompt aufgefordert, Massnahmen zu ergreifen: "Es ist klar, dass diejenigen, die nach Schweden flüchten oder hierher geschickt werden, ihre Probleme nicht von Anfang an hier im Land haben. Sie kommen ja aus ganz bestimmten Gründen her. Aber ein Land, das sich Rechtsstaat nennt und die Menschenrechte anerkannt hat, kann niemals akzeptieren, dass diese Kinder schlecht behanelt werden - egal, wo die Probleme herkommen."
Eine erste Verbesserung ihrer Situation erfuhren am Montag 12 Kinder. Sie wurden durften in eine neue Wohnanlage einziehen. Ausserdem wurden fünf neue Betreuer eingestellt. Es wird sich zeigen, ob diese Massnahme ausreichend ist. Denn die Prognosen besagen, dass die Flüchtlingszahlen in diesem Jahr deutlich ansteigen werden.

Agnes Bührig

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