Abgang mit Schimpf und Schande

Den Schweden galt Percy Barnevik bisher als ein Mann, der sich mehr um langfristige Strategien als um rasche Gewinne kümmerte und der sich trotz Shareholder-Value sein soziales Gewissen bewahrt hatte. Doch nachdem der schwedisch-schweizerische Industriekonzern ABB von seinem ehemaligen Vorstandschef Pensionsvergütungen in Höhe von 100 Millionen Euro zurückgefordert hat, ist der Heiligenschein des Musterindustriellen verschwunden. Als erste Konsequenz aus der Affäre trat Barnevik gestern als Aufsichtsratsvorsitzender der schwedischen Industrie-Holding ”Investor” zurück.

”Fallschirm” heißen die üppigen Abfindungen und Pensionszahlungen der Top-Manager im Volksmund und gestern wurden erste Details bekannt, wie sich Percy Barnevik den Absprung von ABB vergolden lies. Barnevik, der dem Konzern von 1988 bis 1996 führte und dann dem Aufsichtsrat vorstand, sowie sein Nachfolger Göran Lindahl erhalten 160 Millionen Euro an ”Pensionen und anderen Vergütungen”. Viermal ist Barnevik als Europas Unternehmer des Jahres ausgezeichnet worden. Die unter seiner Leitung durchgeführte Fusion der schwedischen Asea mit Brown-Boveri galt als Meisterstück. Und als Barnevik die Führung der Industrie-Holding ”Investor” übernahm, in der die Industriellenfamilie Wallenberg ihre Kronjuwelen verwaltet, war sein Ruf als mächtigster Industriekapitän zementiert.

Viele Fragen sind bislang offen: wurden die goldenen Abkommen von Peter Wallenberg gutgeheißen, der zum Fusionszeitpunkt Asea und Brown Boveri leitete? Oder schloss Barnevik die Verträge gar mit sich selbst ab, als er ein halbes Jahr lang Vorstand und Aufsichtsrat in Personalunion führte? Offenbar hat niemand die ganze Tragweite der Pensionsregelung durchschaut, räumt ”Investor”-Chef Jacob Wallenberg ein: ”Das ist wirklich eine enorme Summe. Ich denke, ein Teil davon muss zurückgezahlt werden. Ich verstehe, dass die Menschen empört sind, denn das bin ich auch. Mein Vater war nicht mehr dabei, als Percy in Pension ging, aber ich glaube, er hat nicht die ganze Tragweite erfasst, was dieser Deal wirtschaftlich bedeutet”.

Schwedische Kommentatoren sehen in den Rückforderungen der ABB eine Rache des Schweizer Maklers Martin Ebner. Der zweitgrößte ”Investor”-Eigner hinter den Wallenbergs und größte ABB-Aktionär soll sich früh mit Barnevik überworfen haben, weil dieser auf eine langfristige Strategie setzte und nicht auf den schnellen Gewinn. Die Schweizer warten mit einer anderen Version auf: Der Vizepräsident des ABB-Verwaltungsrates Robert Jeker spricht von einem maßlosen Missbrauch, dem man erst in den letzten Wochen unter größten Anstrengungen auf die Spur gekommen sei: ”Der ganze Verwaltungsrat war geschockt. Wir konnten es nicht glauben, denn dies war jenseits von allem, was wir uns vorstellen konnten.” Barnevik und Lindahl hätten den Verwaltungsrat nur selektiv informiert, das Gremium durch Verschweigen der Regelung in eigener Sache in einer falschen Sicherheit gewiegt, so Jeker. Insbesondere die Zurechnung der leistungsabhängigen Sonderzahlungen in die Pensionskasse sei nie zur Sprache gekommen.

Barneviks Vorgehen bei der ABB hat die Vorsitzende des schwedischen Gewerkschaftsbundes LO, Wanja Lundby-Wedin, zur Feststellung veranlasst, dass dessen Gier alles bisher Dagewesene überschreite. Allein der Bonus Barneviks entspreche mehr als einem Jahreseinkommen für sämtliche 1 700 in Schweden entlassenen ABB-Arbeiter. Indessen hat Ministerpräsident Göran Persson die Sorge geäussert, dass die rekordhohen Pensionen für die beiden ABB-Chefs Folgen für die kommende Tarifrunde haben könnte. Es sei schwer, Angesichts der Vorkommnisse die Arbeiter zur Zurückhaltung bei Lohnforderungen zu ermahnen.

Der Schritt von ABB könnte den Umgang von Konzernen mit ehemaligen Vorstandschefs revolutionieren. Denn bislang galten die Bezüge der Pensionäre als unantastbar und wurden in aller Regel nicht öffentlich gemacht. Noch mehr aber beschäftigt die Schweden die Frage, was einen Mann wie Barnevik dazu bringt, sich derart zu bereichern.

Alexander Budde

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