Entlassungen sind in Schweden billig

Die Unternehmensleitung des deutschen Reifenkonzerns Continental ist heute nach Stockholm gereist um mit Wirtschaftsminister Björn Rosengren zu sprechen. Thema: die angekündigte Stillegung des Continental-Werks im südschwedischen Gislaved. Die Regierung hat diese Maßnahme scharf kritisiert, und die Konzernchefs wollten ihre Argumente verdeutlichen. Schweden ist an der Erhaltung der Arbeitsplätze interessiert und weist auf die Rentabilität der Fabrik hin. Die Conti-Leitung argumentiert, das Werk sei zu klein, der Konzern habe letztes Jahr rund 250 Millionen Euro Verlust gemacht.
Nach dem Treffen gab sich das Unternehmen zuversichtlich. Die MBL-Verhandlungen nach dem schwedischen Mitbestimmungsgesetz mit den Gewerkschaften gehen weiter, versichert Heimo Prokop, der Leiter der Unternehmenskommunikation bei Continental Radio Schweden.

In Schweden meint man mittlerweile, dass einer der Gründe für Werksschließungen wie diese das Arbeitsrecht ist. Hierzulande sind Entlassungen nämlich vergleichsweise billig für die Unternehmen.

Vieldiskutierte Beispiele sind in jüngster Zeit der Stahlkonzern Avesta Polarit mit einem Werk in Degerfors, und die Conti-Reifenfabrik in Gislaved. In beiden Fällen sind die ausländischen Muttergesellschaften auf dem Weg Schweden zu verlassen und ihre Tätigkeit auf andere Länder zu konzentrieren. Zurück bleiben in kleinen oder mittleren Gemeinden hunderte von Menschen ohne Arbeitsplätze.
Als Motiv geben die abwandernden Unternehmen nicht selten an, dass die Löhne in anderen Ländern niedriger sind. Nicht offen gesagt wird jedoch, dass Entlassungen in Schweden billiger sind als anderswo. Nach einer Studie des finnischen Metallarbeiterverbands ist Schweden in dieser Hinsicht das billigste Land Europas. Lars Calmfors, Professor in internationale Wirtschaftswissenschaft an der Universität Stockholm stimmt dem zu: "In Schweden bilden wir uns ja gern ein, dass es hierzulande sehr schwer ist, Personal zu entlassen. Aber in Deutschland, Belgien und den südeuropäischen Ländern ist das wesentlich schwerer."

In Spanien, Frankreich, Holland, Belgien, Luxemburg, Deutschland, Österreich und Italien sind Entlassungen für die Unternehmen am kostspieligsten. Dort gibt es oft Gesetze und Abkommen, die die Unternehmen zwingen, bis zu zwei Jahresgehälter als Abfindung auf den Tisch zu blättern. Zusätzlich zur gesetzlich festgelegten Kündigungsfrist.

Einfacher haben es Arbeitgeber da in den skandinavischen Ländern und der Schweiz. Bei Entlassungen gelten zwar Kündigungsfristen aber keine gesetzlich festgelegten Abfindungen. Wenn ein Unternehmen geschickt mit den Gewerkschaften verhandelt, kann es recht günstig davon kommen.

Möglicherweise sind aber Veränderungen auf dem Wege. Nach den Diskussionen über Stillegungen wie Conti in Gislaved oder Avesta Polarid in Degerfors, hat Wirtschaftsminister Rosengren von einer Verschärfung der schwedischen Gesetzgebung gesprochen. Der schwedische Arbeitergewerkschaftsbund LO und die Unternehmensorganisation Svenskt Näringsliv verhandeln bereits über entsprechende Möglichkeiten.

Wirtschaftsspezialist Lars Calmfors mahnt jedoch, dass eine solche Lösung nicht allzu teuer für die Unternehmen werden darf, wenn Schweden als Produktionsstandort attraktiv bleiben soll: "Falls diese Neuerung für die Arbeitgeber Mehrkosten bedeutet, wenn sie ihre Produktion senken wollen, kann das dazu führen, dass die Mitarbeiter nicht so schnell entlassen werden. Aber wenn ein Unternehmen sich in Schweden neu etablieren will, sieht ja auch, dass da Extrakosten entstehen können, und es etabliert sich dann vielleicht nicht hier."

Sybille Neveling

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