Fadime Sahindal

Prozessbeginn in Sachen „Ehrenmord"

Unter rigorosen Sicherheitsmaßnahmen begann heute im Amtsgericht von Uppsala einer der meist beachteten schwedischen Prozesse der letzten Jahre. Der Kurde Rahmi Sahindal muss sich für den Mord an seiner Tochter Fadime im Februar verantworten. Die junge Frau hatte mit der Wahl eines schwedischen Freundes den Hass der männlichen Familienmitglieder auf sich gezogen.

Das Gerichtsgebäude in Uppsala glich an diesem ersten Verhandlungstag einer Festung. Zahlreiche Polizisten in Uniform und in Zivil, weitreichende Absperrungen und Metalldetektoren prägten das Bild, als der Prozess zu dem Fall eröffnet wurde, der ganz Schweden aufgerüttelt hat: der Mord an der 26-jährigen Fadime.

Er wurde zum Symbol für die skandalöse Tatsache, dass mitten im modernen Schweden noch immer Traditionen fortleben, die ans Mittelalter erinnern. Die Ehre der Sippe habe die junge Frau mit ihrem selbständigen Lebensstil befleckt, daher müsse sie sterben, hatte der geständige Vater schon kurz nach der Tat erklärt.

„Sie hätten sie auch erschossen"
Bei der Vernehmung nun bot der Mittfünfziger, der sich trotz knapp zwanzigjährigen Aufenthalts in Schweden der schwedischen Sprache verweigert und daher vor Gericht von einem Dolmetscher begleitet wird, ein widersprüchliches Bild.

So wandte er sich eingangs direkt an den Staatsanwalt mit der Behauptung: „Hätte sich Ihre Tochter Ihnen gegenüber in dieser Art verhalten, hätten Sie sie ebenfalls erschossen. Sie hat mich gedemütigt und die ganze Zeit Probleme gemacht. Also erschoss ich sie.”

Doch wenig später wechselte der Angeklagte zum Erstaunen der Zuhörer ins Schwedische und meinte: „Ich muss zur Tatzeit krank gewesen sein, sonst wäre das nie passiert. Ich bereue tief.” Ein psychisches Blackout habe er gehabt, außerdem sei er stark alkoholisiert gewesen, so der mutmaßliche Mörder auf die Forderung des Gerichts, den Tathergang zu beschreiben.

Seit langem verfolgt
In zahlreichen Dokumenten der letzten Jahre ist jedoch belegt, dass die ermordete Fadime seit langem mit Morddrohungen seitens des Vaters und weiterer männlicher Familienmitglieder gelebt hatte. Bruder und Vater hatten sich wegen dieser Drohungen bereits vor Gericht verantworten müssen.

Als stärksten technischen Beweis für die Schuld des Vaters sieht die Staatsanwaltschaft nun Schmauchsouren auf seiner Kleidung sowie Fußabdrücke, die er in der Wohnung der Ermordeten hinterließ.

Und die Gewalt geht weiter. Fadimes jüngere Schwester sprach vor dem Gericht von mehr oder weniger verdeckten Drohungen seitens der Sippe, falls sie als Zeugin auftreten werde.

Gleichwohl bestätigte sie die Schuld des Vaters: „Er hat die Waffe gehalten, aber die Verwandtschaft hat auch teil an dem Geschehenen”, so die junge Frau. Der Prozess wird am Mittwoch und Donnerstag fortgesetzt.

Anne Rentzsch

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