Hörer-Reaktionen

Kulturelle Unterschiede bei Sicht auf Wahlgeheimnis

3:32 min

Darüber, wie geheim man in Schweden wählen kann, wenn die Wahlscheine im Wahllokal offen ausliegen, gehen die Meinungen auseinander. Deutsche reagieren mit Unbehagen, Schweden erstaunt über die Aufregung. Reaktionen von zwei unserer User, die sich über Facebook bei uns gemeldet haben.

Kirsten Stelling ist zwar schon vor einem Jahrzehnt nach Arvidsjaur in Nordschweden gezogen, das erste Mal gewählt hat sie in Schweden trotzdem erst im vergangenen Jahr – wohl auch, weil ihr Mann und sie seit zwei Jahren schwedische Staatsbürger sind und damit auch bei der Reichstagswahl abstimmen dürfen. 

„Gut, dass das jemand macht“ 

Mit Begeisterung reagiert sie auf die Beschwerde des deutschen Arztes Christian Dworeck bei der EU-Kommission, die ihrerseits die schwedische Regierung aufgefordert hat zu erklären, wie Schweden freie und geheime Wahlen gewährleistet. 

Gegenüber Radio Schweden sagte Kirsten Stelling: „Als mein Mann und ich im vergangenen Jahr das erste Mal wählen waren, sind wir mit den gleichen Gefühlen rausgegangen wie der deutsche Arzt, der sich dann an die EU-Kommission gewendet hat. Mein Gedanke war: Da wäre ich gar nicht drauf gekommen. Deshalb finde ich es gut, dass das jemand gemacht hat.“ 

Papierverschwendung

Noch lebhaft erinnert sich die Deutsche an den Wahltag in dem kleinen Ort mit entsprechend wenig Betrieb. Obwohl sich Kirsten Stelling und ihr Mann intensiv mit der Wahl beschäftig hatten, waren sie auf den Kasten mit den offen ausliegenden Wahlzetteln nicht vorbereitet. 

„Wir haben uns da erstmal herumgedrückt und geguckt und ich habe auch das System zunächst nicht verstanden. Wir haben dann überlegt, was wir machen, denn die Wahlhelfer haben ja im Prinzip auch da drauf geguckt. Ich habe dann einen Packen genommen, einen benutzt und die anderen weggeschmissen und mir gedacht, was ist das eigentlich für eine Papierverschwendung in Schweden. Denn ich bin gar nicht darauf gekommen, dass die Leute nur ihren Zettel nehmen und damit durch die Gegend spazieren.“ 

Schweden werben gern mit ihrer Wahl 

Evelina Angerer ist schwedische Staatsbürgerin und hat trotz vieler Jahre in Deutschland und Österreich immer nur in Schweden gewählt. Dass das schwedische Wahlsystem ganz offensichtlich gegen das Grundrecht auf freie und geheime Wahlen verstößt, wie es in der Beschwerde bei der EU-Kommission heißt, ist Evelina Angerer erst in Gesprächen mit Bekannten im deutschsprachigen Raum bewusst geworden. 

Auf der Facebook-Seite von Radio Schweden schreibt die Schwedin, dass es große kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Schweden bei der Sicht auf Persönlichkeitsschutz und Offenheit gibt. Selber hat Evelina Angerer nichts gegen Parteienwerbung im Wahllokal, erzählt sie im Gespräch mit Radio Schweden. 

„Ich glaube, die Schweden denken einfach nicht so. Ich habe noch nie gehört, dass jemand einen Einwand hatte oder dass man es schlimm findet, wenn jemand herausfinden würde, was man wählt. Ich glaube, die meisten zeigen es sogar gerne. Und wenn nicht, nimmt man eben Zettel von allen Parteien und lässt die übrigen in der Wahlkabine.“ 

Zumindest keine Unklarheiten

Schwedens Kulturministerin Alice Bah Kuhnke hat gegenüber der Tageszeitung Svenska Dagbladet bereits angekündigt, die Mängel im System genauer zu prüfen. Von den Änderungen im Gesetz, die das Schreiben der EU-Kommission nun möglicherweise nach sich zieht, will sich Evelina Angerer überraschen lassen. Wegen ihr bräuchte sich das System jedoch nicht zu ändern. 

„Diese Tradition gab es schon immer in Schweden. Der große Vorteil, den ich sehe, ist, dass man nicht dieselben Probleme mit der Deutlichkeit hat wie andere Länder, wo man vielleicht nicht immer sieht, wo das Kreuzchen ist oder ob jemand zwei Kreuze gemacht hat. Das schwedische System war immer sehr sicher dadurch, dass man genau sieht, welche Partei im Briefumschlag liegt.“

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