Hintergrund

Schwedischer Atomausstieg geht anders

5:25 min

In Deutschland kommt die Energiewende von der Politik – in Schweden aber scheinen die Energieunternehmen die Abwicklung selbst voranzutreiben. Darauf weist auch die jüngste Nachricht, dass ein weiterer Kernreaktor vorzeitig stillgelegt werden soll.

Wie ist es eigentlich um die Kernkraft in Schweden bestellt? Radio Schweden hat dazu Ingvar Matsson befragt, der sich in Energietechnik bestens auskennt und darüber auch seine Promotion abgelegt hat. Matsson war selbst in der Atombranche tätig und ist heute Finanzanalyst bei der Swedbank.

 Atomkraft war in Schweden schon seit der Einführung in den 1950er Jahren ein oft brandheißes gesellschafts- und energiepolitisches Thema. Heute wird in der öffentlichen Diskussion der umweltpolitische Aspekt betont. Doch für die Betreiber gelten vor allem die nüchternen Zahlen, die den Energiesektor rentabel machen. Kernkraft hat in der Energieversorgung Schwedens immer noch einen wichtigen Anteil, betont Ingvar Matsson:

 „Es gibt heute zehn in Betrieb befindliche Reaktoren, vor ein paar Jahren wurde ja Barsebeck stillgelegt, und je nach Jahreszeit liefern diese zehn Reaktoren 40 bis 50 Prozent des schwedischen Strombedarfs. Kernkraft stellt damit eine sehr wichtige Komponente der schwedischen Energiebilanz dar, der Rest besteht aus Wasserkraft – vor allem im Norden – und dann die erneuerbaren Energiequellen, die ja immer stärker genutzt werden. Dabei ist vor allem die Windkraft zu nennen, Atomstrom ist aber nach wie vor sehr wichtig.“

Wie rentabel ist Atomstrom?

 Der Abschaltbescheid des Betreibers in Oskarshamn erfolgt aus Kostengründen. Wie rentabel ist denn nun der Atomstrom eigentlich im Vergleich zu anderen Energiequellen? Ingvar Matsson macht darauf aufmerksam, dass im Moment alle Energieformen unter einem enormen Preisdruck stehen, der zu einem historisch niedrigen Strompreis geführt hat. Doch die Kernkraft hat noch einen Nachteil, der sich derzeit besonders bemerkbar macht:

 „Der Investitionsbedarf war und ist relativ hoch, dabei geht es um die Sicherheit der Systeme, um deren laufende Instandhaltung und technische Aufrüstung, um den nötigen Effekt herauszuholen. Und selbstverständlich sind Technologien mit einem so hohen Investitionsaufwand wenig attraktiv für Investoren, vor allem bei älteren Anlagen, bei denen diese Investitionen am umfangreichsten sind.“

 In der Praxis kommt es dabei sogar dazu, dass bereits begonnene Aufrüstungsarbeiten nun abgebrochen werden, um statt dessen Vorbereitungsarbeiten für die Stilllegung einzuleiten. Nach der Abschaltung können dann natürlich durch den Wegfall von bis zu 50 Prozent der Stromproduktion erhebliche Preisänderungen die Folge sein. Dies wird den Energiemarkt verändern, doch wie genau, kann man heute eben noch nicht wissen, denn auch andere Faktoren können eine Rolle spielen „Wie wird die Nachfrage der Schwerindustrie sein, was benötigen dann die privaten Haushalte, und welche Kapazitäten gibt es dann insgesamt - das alles wissen wir heute nicht“, sagt Ingvar Matsson.

Genau anders herum wie in Deutschland

 Bei einem Vergleich mit Deutschland fällt vor allem ein großer Unterschied auf. In Schweden werden die Stilllegungen durch die Energieunternehmen selbst vorangetrieben, in Deutschland ist die Situation aber politisch geprägt. Dort sind Abschaltungsbeschlüsse politische Entscheidungen, die wiederum als Reaktion auf den Gau in Fukushima entstanden.

 „Das hatte große Konsequenzen, wie man überhaupt zur Kernkraft steht, und besonders in Deutschland hat man da schnelle und durchgreifende Entscheidungen gefällt. Die Abschaltungen in Deutschland erfolgen also im Gegensatz zu denen in Schweden gegen den Willen der Betreiber, es ist in den beiden Ländern eigentlich genau andersherum!“

Wie lässt sich dieser Gegensatz erklären? In beiden Ländern wurde die Einführung der Atomkraft als technischer Fortschritt gesehen. Allerdings wuchs in Deutschland ein größerer Widerstand heran als in Schweden. „Die öffentliche Meinung zur Atomkraft war wohl in Deutschland für die Unternehmen schon von Beginn an schwieriger zu handeln, ganz anders als in Schweden“, sagt Matsson.

Was wäre, wenn...?

Und die Meinung der Kernkrafttechnologen selbst? Wie würden bei allem, was man heute weiß, die Unternehmer entscheiden, wenn man das Rad um 50 Jahre zurückdrehen könnte?

 „Hätte man Tschernobyl und Fukushima vorausgesehen, so hätte man wohl noch andere Überlegungen angestellt. Doch man müsste sich die gleiche Frage bei der Einführung des Flugzeugs stellen mit allen Abstürzen oder erst recht bei der Einführung des Automobils mit allen Verkehrstoten.“ Eine Gesellschaft folgt dieser Gefahrenlogik nicht, sondern es geht um den Bedarf, der durch die Gesellschaft entsteht und der gedeckt werden muss, sagt Matsson und er glaubt, dass man trotz aller Risiken die Kernkraft im industriellen Ausmaß als „zu attraktiv angesehen hätte, um sie sein zu lassen.“

Michael Harmann

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