Hintergrund Ladenöffnungszeiten

Immer öfter bis 23 Uhr geöffnet

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Dass die Geschäfte in Schweden an allen Tagen der Woche geöffnet haben, ist für die Kunden inzwischen völlig normal.

Weil immer weniger Menschen zu den normalen Büroöffnungszeiten arbeiten, passen insbesondere die Lebensmittelketten ihre Zeiten an. Geöffnet bis 23 Uhr ist längst keine Seltenheit mehr – und noch lange nicht die Obergrenze.

22 Uhr abends vor dem Großmarkt Coop Forum in Stockholmer Vorort Vällingby. Monica und ihr Bruder Xavier verladen den Großeinkauf für die Gäste am Wochenende. 

„Ich bin erst spät von der Arbeit gekommen, es ging also nicht eher“, meint die Mittvierzigerin. „Außerdem hatte mein Bruder gerade Zeit, der mir beim Tragen hilft. Normalerweise kaufe ich aber nicht so spät ein, sondern eher zwischen 17 und 18 Uhr.“ 

„Ich gehe schon öfter mal spät einkaufen“, sagt Xavier. „Da wo ich wohne gibt es einen Ica, der bis 23 Uhr geöffnet hat. Ich könnte mir vorstellen Es macht vielleicht nicht sonderlich Spaß, so spät noch im Lebensmittelladen zu arbeiten,. Zur Not kann man ja auch immer noch zur Tanke gehen, aber es ist schon schön, wenn so lange geöffnet ist.“ 

Spätes Shoppen wird zur Gewohnheit 

Etwas weiter auf dem fast leeren Parkplatz verstaut Fadya ihre Einkaufstüten im Kofferraum, zwei friedliche Kleinkinder sind schon auf dem Rücksitz angeschnallt. Auch sie empfindet die langen Öffnungszeiten als Segen. 

„Meine große Tochter hat morgen Geburtstag und da soll sie ein schönes Frühstück im Bett bekommen. Das ist mir auf den letzten Drücker noch eingefallen. Ein Glück, dass der Laden so lange geöffnet hat. Immer wenn noch etwas für die Kinder anfällt, ein Picknick für den Schulausflug zum Beispiel, fahre ich abends nochmal los. Ich finde das großartig.“ 

Als Mutter von drei Kindern, die spät abends noch die wichtigen Einkäufe erledigt, passt Fadya genau ins Bild der Großmärkte vom heutigen Kunden. Das Leben hat sich geändert, also müssen die Läden reagieren, erklärt Christian Wijkström, bei Coop für die Region Stockholm zuständig, gegenüber Radio Schweden. 

„Wir sind auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der wir unser Leben ganz anders steuern. Statt der Uhrzeit sind unsere Bedürfnisse ausschlaggebend, und darauf müssen die Geschäfte flexibel reagieren. In diese Richtung wird es auch noch weitergehen.“ 

Konkurrenz macht Druck 

Egal, ob der Laden um die Ecke oder der Großmarkt im Industriegebiet: Laut Regional Manager Wijkström bestimmt stets der Kundenwunsch über die Öffnungszeiten – zumindest außerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Nachtruhe zwischen Mitternacht und 5 Uhr in der Früh. Dass der Druck der Konkurrenz irgendeine Rolle spielt, weist Wijkström von sich. 

Offener mit diesem Marktgesetz geht Mårten Tenne um. Nach einem Studium und anschließender Tätigkeit in der Hotelbranche in Deutschland übernahm er 2003 einen Ica-Großmarkt in der Kleinstadt Nyköping, eine gute Autostunde südlich von Stockholm gelegen. Seit etlichen Jahren schon hat Tenne von 7 bis 22 Uhr geöffnet. Im nächsten Jahr will er der Erste in Nyköping sein, bei dem die Kunden bis 23 Uhr nach Lust und Laune einkaufen können, erklärt er Radio Schweden. 

„Die Konkurrenz von kleinen Läden oder Tankstellen ist sehr groß, weshalb wir längere Öffnungszeiten haben müssen. Dann kommen diese Kunden zu uns. Es gibt nur diese Alternativen: Entweder wir bekommen neue Kunden oder unsere Kunden gehen in andere Läden, weil die bessere Öffnungszeiten haben. Und das können wir natürlich nicht akzeptieren. Hat man länger geöffnet, verkauft man auch mehr, so ist das eben.“ 

Mega-Umsatz mitten in der Nacht?

Sowohl Ladenchef Tenne als auch Regional Manager Wijkström der Coop-Ladenkette betonen, dass auch spät am Abend noch genügend Kundschaft kommt, so dass sich die höheren Personalkosten rechnen. Bei der Handelsgewerkschaft hat man da so seine Zweifel und plädiert deshalb für Zeiten, wie sie vor knapp zehn Jahren noch üblich waren, nämlich von 8 bis 21 Uhr. 

„Ich habe noch niemanden getroffen, der behauptet, lange geöffnet zu haben, weil der Laden um 23 Uhr so einen Wahnsinnsumsatz macht“, sagt Fredrik Wimborn, der regelmäßig in Tarifverhandlungen sitzt. „Wenn die Konkurrenz nebenan länger geöffnet hat, zieht man eben nach. Ein klassischer Dominoeffekt. Ich meine nicht, dass die Geschäftsinhaber das eigentlich wollen, sondern man sieht sich eben zu diesem Schritt genötigt.“ 

Besonders sorgt sich die Gewerkschaft um die in vielen Studien nachgewiesene gesundheitliche Belastung durch Spätdienst und Schichtarbeit. Doch auch andere Risiken sind in den späten Abendstunden ungleich größer, erklärt Wimborn. 

„Je länger ein Laden geöffnet hat, desto größer ist die Gefahr, das Opfer von Bedrohungen, Gewalt oder eines Ladendiebstahls zu werden. Es sind weniger Kollegen und weniger Kunden da, nach Feierabend ist es dunkel. Bedrohungen  und Gewalt sind die größten Probleme im Einzelhandel.“ 

Extraschichten willkommen 

Ladenchef Mårten Tenne aber betont: „Personal zu finden, ist kein Problem. Es gibt immer Mitarbeiter, die arbeiten möchten. Denn der Zuschlag für den Spät- oder Wochenenddienst ist sehr groß, und dann verdienen die auch gut.“ 

Zwischen 50 und 100 Prozent mehr Gehalt gibt es zu den so genannten unbequemen Arbeitszeiten – beachtlich und vielfach wohl auch bitter nötig bei einem landesweiten Durchschnittsgehalt von umgerechnet rund 2.000 Euro brutto. 

So stehen die Zeichen in Schweden auf noch längere Ladenöffnungszeiten. Kundin Fadya würde das – bei allem Verständnis für die Angestellten – gut finden. 

„Es könnte von mir aus auch noch länger geöffnet sein. Für das Personal ist das vielleicht nicht so toll, aber schön wäre es schon.“

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