Hintergrund Pressefreiheit nach Charlie Hebdo

Erhöhte Vorsicht bei Schwedens Zeitungen

6:58 min

Der blutige Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo hat auch bei schwedischen Medien tiefe Spuren hinterlassen. Bei der Politikerwoche in Visby diskutierten Herausgeber und Repräsentanten von der schwedischen Sektion von „Reporter ohne Grenzen" die Frage, wo die Grenze für zulässige Satire ein halbes Jahr nach dem brutalen Überfall verläuft. Für die Medien ist es ein Spagat.

In Schweden darf zwar rein gesetzlich eine Menge Provozierendes gedruckt werden, doch muss man das deshalb tun - frei nach dem Motto Kurt Tucholskys, der 1919 den heute berühmten Ausspruch prägte „Was darf Satire? - Alles." Lena Mellin, Herausgeberin von Schwedens auflagenstärkster Zeitung, dem Boulevardblatt Aftonbladet, meint Nein.

Gegenüber Radio Schweden sagte sie: „Von meiner Warte als Herausgeberin meine ich, dass selbst die Satire nicht alles darf, sondern unsere Publikationen müssen sich innerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen, der in Schweden allerdings sehr weit gesteckt ist. Eine wichtige Grenze verläuft dort, wo Vorurteile geschürt werden. Diese Grenze darf nicht überschritten werden."

Solidaritätsaufruf

Am Tag nach dem Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion forderte „Reporter ohne Grenzen" die schwedischen Zeitungen dazu auf, geschlossen Solidarität zu zeigen und sich mit der Veröffentlichung von Karikaturen des Satiremagazins für die Pressefreiheit stark zu machen.

Aftonbladet zeigte zwar den Titel der ersten Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag, hielt sich aber insgesamt zurück. Der Plan, die gesamte Ausgabe ins Schwedische übersetzt herauszugeben, wurde kurzfristig abgeblasen. Niemand aus der französischen Redaktion sei erreichbar gewesen, um den Nachdruck zu genehmigen, so der offizielle Grund. Aftonbladet musste dafür viel Kritik einstecken, man warf dem Blatt Selbstzensur vor.

Verantwortung fürs Personal

Doch Herausgeberin Mellin steht auch heute noch hinter ihrer Entscheidung. Und, betont sie gegenüber Radio Schweden: Viele der Karikaturen seien in der Tat allzu generalisierende Vorurteile und schlichtweg zu krass in einem schwedischen Kontext. Bei Material, das derart provozierend sei, denke sie auch ans Personal.

„Das spielt natürlich eine Rolle. Wir sitzen in einem Glasbau mitten in Stockholm, das ist schon etwas unheimlich beim Gedanken daran, dass dort leicht etwas passieren könnte. In dem Gebäude arbeitet rund um die Uhr Personal, das zu Schaden kommen könnte, wenn wir Grenzen überschreiten. Das heißt nicht, dass wir nichts veröffentlichen dürfen, aber es muss eben auf der richtigen Seite der Grenze sein."

Beim Aftonbladet-Konkurrenten Expressen geht man mit der Veröffentlichung beispielsweise von Mohammed-Karikaturen anders um. Sicherlich müsse es einen publizistischen Grund für den Abdruck von provozierenden Zeichnungen geben. Im Falle von Charlie Hebdo sei dies jedoch einfach gewesen, betont Herausgeber Thomas Mattsson. Zum einen kannte kaum jemand in Schweden das Magazin, zum anderen musste erklärt werden, was die radikalislamischen Täter zum Mord an zwölf Journalisten veranlasst hatte.

„Ich gehöre zu denen, die meinen, dass es keine Grenzen für Kunst, Kultur, Satire oder Debatten geben sollte. Wie auch immer man es nennt, so geht es doch darum, dass die Diskussion frei sein sollte. Natürlich im Rahmen des Gesetzes. Hält man sich an diese Ordnung, hat der Herausgeber viele Möglichkeiten - auch zur Provokation."

„Es fehlt an Mut"

Gerade das Provozieren jedoch hat in der schwedischen Kultur und Gesellschaft keine hervorgehobene Position. Nach den islamistisch motivierten Anschlägen auf Redaktionen - auch wenn sie nach wie vor selten sind - beobachtet Jonathan Lundqvist, Vorsitzender von „Reporter ohne Grenzen", dass die schwedischen Medien noch vorsichtiger geworden sind.

„Ich finde schon, dass die Medien mutiger sein könnten. Einer der wichtigsten Aspekte der Pressefreiheit ist, dass wir uns nicht in unserer eigenen Welt einschließen. Das hat zwar etwas Gemütliches, neue Eindrücke gewinnt man dadurch aber nicht. Die Augen werden einem vielfach durch Provokation geöffnet, und da könnten die Medien ruhig ein bisschen frecher sein und uns mehr fordern. Die Konsenskultur in Schweden bringt leider mit sich, dass wir nicht so gut darin sind, von der Sache losgelöst zu debattieren. Andere Länder in Europa sind da viel weiter."

Provokation um der Provokation willen schließen die Herausgeber der Tageszeitungen jedoch kategorisch aus. So ist auch der Konzeptkünstler Lars Vilks, der seit seiner Zeichnung des Propheten Mohammed als Hund 2007 unter ständiger Bedrohung steht, eher in den Kulturteil der Zeitungen verbannt. Dort könne mehr erklärt und debattiert werden, meint Aftonbladets Lena Mellin.

Unter der Veröffentlichung von Vilks Mohammed-Karikatur hat etwa die Zeitung Nerikes Allehanda noch heute zu leiden. Gegen den damaligen Chefredakteur Ulf Johansson wurde eine so genannte Fatwa ausgesprochen, eine Todesdrohung. Die heutige Chefredakteurin Katrin Säfström lässt entsprechende Vorsicht walten, erklärte sie während der Podiumsdiskussion in Visby.

„Rasender Pöbel" bestimmt nicht

Auch Thomas Mattsson von Expressen betont, wie wichtig die Einbettung von beispielsweise Karikaturen inzwischen ist. Denn aus dem Zusammenhang gerissen und im Internet minutenschnell verbreitet könne eine Veröffentlichung ungeahnte Konsequenzen haben, so Mattsson, und erinnert damit an die Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllandsposten 2004. Nicht nur wurden skandinavische Botschaften von einem, wie Mattsson es nennt, rasenden Pöbel angegriffen. Auch für skandinavische Reisende bestand Lebensgefahr, und das Boykott des Milchprodukte-Herstellers Arla hatte weitreichende wirtschaftliche Konsequenzen. Die Angst vor den Folgen dürfe jedoch eine Veröffentlichung nicht steuern, so Mattsson.

„Nein, und es ist wichtig, deutlich zu machen, dass der Herausgeber darüber bestimmt und dass wir nicht vor relevanten Veröffentlichungen zurückschrecken. Dennoch sollte man schon den einen oder anderen Gedanken darauf verwenden, wie gewisse Dinge aufgefasst werden können. Außerdem können wir die unmittelbar Betroffenen informieren, zum Beispiel Journalisten in dem Land oder der Region oder das Auswärtige Amt. Das würde ich verantwortungsbewusst nennen."

Gefahr der Selbstzensur

Jonathan Lundqvist von „Reporter ohne Grenzen" beobachtet bei allem Respekt für die Erwägungen der einzelnen Redaktionen eine gewisse Selbstzensur. Da diese kaum greifbar und damit kaum messbar sei, hält er sie für noch gefährlicher als die Zensur durch Regime.

„In einer Gesellschaft, in der es eher die Regel als die Ausnahme ist, sich vor möglichen Angriffen aus verschiedenen Richtungen zu schützen, wird man am Ende immer schweigsamer. Ich will nicht behaupten, dass wir schon in so einer Gesellschaft leben, aber die Tendenzen zeichnen sich ab. Wir werden ängstlicher und schöpfen nicht mehr so aus dem Vollen. Das kann sich zu einem ernsthaften Problem entwickeln."

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista