Foto: Jessica Gow/TT
Offenbar doch kein Allheilmittel (Foto: Jessica Gow/TT)
Neuer Pisa-Peitschenhieb

Schwedens Schülern hilft der Computer nicht weiter

5:20 min

Für Schweden sind die neuen Pisa-Ergebnisse der OECD niederschmetternd: Die digitale Aufrüstung der Schulen und der verstärkte Unterricht mit Hilfe von Tablets hilft den Schülern weder beim Verbessern des Leseverständnisses noch bei besseren Leistungen in Mathe. Auch beim digitalen Test landet Schweden unter dem OECD-Durchschnitt.

Das schönste Auto nutzt demjenigen nicht, der es nicht zu fahren weiß, sondern gerade einmal die Stereoanlage anstellen kann. Und genauso ist es selbstverständlich auch beim Umgang mit Computern in der Schule und in der Freizeit. Für Schweden wird mit der neuen Studie eins ganz deutlich: Die Top-Ausstattung an den Schulen hierzulande mit Tablets ist noch lange kein Garant dafür, dass die Schüler das Gerät sinnstiftend nutzen und infolgedessen mehr begreifen und mehr lernen. 

Auch digital läuft nichts 

An den schriftlichen Pisa-Test 2012, bei dem Schweden erheblich abgesackt war, schloss sich ein weiterer Test an, bei dem online überprüft wurde, wie es ums Lesen, um Mathe und Problemlösen bestellt ist. Deutschland nahm an diesem Extratest nicht teil, Schweden hingegen schon. Zudem wurde unter Schülern aus 42 Ländern, darunter Schweden und Deutschland, eine Umfrage zur IT-Nutzung generell, aber auch speziell in Bezug auf Mathe durchgeführt. 

Ergebnis: Die Schweden arbeiten in der Schule überdurchschnittlich viel mit dem Rechner, auch in der Freizeit liegen sie ganz vorn. Aber: Gebracht hat es nichts. Beim Leseverständnis erreichten die schwedischen Schüler 498 Punkte, Klassenbester Singapur dagegen 566. Ähnlich düster sieht es bei Mathe aus: Über 560 Punkte erreichten Singapur und Shanghai, Schweden nur 490, deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. 

Mathe-Unterricht leidet besonders 

Ein neuer Tiefschlag also für Schwedens Schulen, deren Schüler bei Pisa einfach nicht auf einen grünen Zweig kommen wollen? Nicht ganz. Denn wenn das Internet sinnvoll für Schulaufgaben genutzt wird, lässt sich zumindest ein positiver Zusammenhang zum Lesen herstellen – sowohl traditionell also auch digital. Doch da enden die erfreulichen Nachrichten auch schon. 

Bei der schwedischen Schulbehörde hat Anders Fredriksson an der Auswertung der schwedischen Resultate mitgearbeitet. „Die Schüler, die den Computer am meisten nutzen, haben die schlechtesten Resultate“, fasst Fredriksson im Schwedischen Rundfunk zusammen. „Bei Mathe fällt Folgendes auf: Die Schüler, die angaben, dass sie im Mathe-Unterricht viel mit dem Rechner arbeiten, schnitten am schlechtesten ab. Es drängt sich die Frage nach der richtigen IT-Nutzung in der Schule auf – schließlich entscheidet darüber die Lehrkraft.“ 

IT im Mathe-Unterricht, etwa beim Erstellen von Graphiken und Tabellen am Computer, bringt der neuen Studie zufolge den schwedischen Schülern schlechtere Ergebnisse ein. Pisa-Top-Performer wie Hongkong, Taiwan und Südkorea dagegen greifen beim Mathe-Unterricht am wenigsten auf den Computer zurück. 

Falsch investiert? 

Die OECD stellt generell fest: Die Länder, die in den vergangenen zehn Jahren so wie etwa Schweden stark in die Digitalisierung des Unterrichts investiert haben, können keineswegs mit besseren Ergebnissen ihrer Schüler beim Leseverständnis, in Mathematik und in den Naturwissenschaften glänzen. Ungleichheit in der Bildung ist das deutlich größere Problem als Ungleichheit bei den digitalen Fertigkeiten, schlussfolgert die OECD. 

Konkret: Wer Schwierigkeiten bei der Entschlüsselung eines Textes hat, verzettelt sich auch bei den Links im Internet auf der Suche nach relevanten Informationen und Quellen. Auch IT-Aktivitäten wie Chatten oder Emails schreiben helfen nicht. Sie haben ganz allgemein keinen positiven Effekt auf die Leseleistung, so die Analyse der schwedischen Schulbehörde. 

Der Nachrichtenagentur TT sagte Bildungsminister Gustav Fridolin, dass weder Rektoren noch Lehrkräfte mit dem richtigen Werkzeug ausgestattet seien, um den Computer sinnvoll im Unterricht nutzen zu können. Da müsse die Politik systematische und langfristige Anstrengungen unternehmen, kommentierte der Minister die anhaltende Bildungsmisere. Lehrergewerkschaften und Schulbehörde fordern dies seit Langem, die Lehrkräfte fühlen sich im Stich gelassen. 

Sinnloses Surfen

Die schulische Nutzung von Computern ist aber nur die eine Seite der Medaille. Trauriger Spitzenreiter ist Schweden nämlich in der Kategorie der extremen Internetnutzer. Das sind jene Jugendlichen, die den Rechner in der Freizeit mindestens sechs Stunden täglich nutzen. In Schweden tun das 13 Prozent der Jugendlichen – mehr als in den anderen untersuchten Ländern. Ganze 70 Prozent dieser Gruppe sind Jungen, auch das ist einzigartig im OECD-Vergleich. Gerade die Extrem-Surfer liefern die schlechtesten schulischen Leistungen ab. 

Es gebe jedoch keine Beweise dafür, dass die Computernutzung schuld an den miesen Ergebnissen sei, betont Anders Fredriksson von der Schulbehörde – selbst wenn sich das Hardcore-Surfen im regelmäßigen Zuspätkommen, Schwänzen und durch Müdigkeit äußert und sich die Betroffenen generell schlechter fühlen als andere. 

„Es lässt sich nicht sagen, ob die IT-Nutzung gut oder schlecht ist. Es geht immer auch um das Wie. Wenn man die Technik sinnvoll nutzt, kann guter Unterricht noch besser werden. Bei mangelhafter Nutzung besteht die Gefahr des gegenteiligen Effekts.“

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