Foto: Anna Bubenko, SR / TT
Die 16-jährige Linnéa fällt manchmal mehrmals am Tag in Ohnmacht - schuld daran ist möglicherweise der Impfstoff Gardasil (Foto: Anna Bubenko, SR / TT)
Hintergrund - Impfen in Schweden

Impfmedizin unter schwerem Nebenwirkungsverdacht

4:09 min

Erneut hat es Kritik an dem Impfpräparat Gardasil gegen Gebärmutterhalskrebs gegeben. Bei der schwedischen Lebensmittelbehörde sind Klagen von drei jungen Frauen eingegangen, die möglicherweise an den Nebenwirkungen des Serums schwer erkrankt sind. Seitens der Behörde wiegelt man jedoch ab.

Die Ohnmachtsanfälle gehören für Linnéa inzwischen zum Leben dazu. Wenige Monate nach der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs fingen die Schwächeattacken der damals 13-Jährigen an. Das ist jetzt drei Jahre her. Gebessert hat sich ihr Zustand nicht, erzählt Linnéa im Schwedischen Rundfunk.

„Manchmal sitze ich einfach nur im Auto oder am Esstisch, wenn ich plötzlich ohnmächtig werde. Meistens geschieht es aber beim Aufstehen."

EMA prüft

Ihr Arzt hat den Fall nun der Arzneimittelbehörde gemeldet. Der Verdacht: Die Ohnmachtsanfälle rühren vom Präparat Gardasil der Firma Sanofi Pasteur. Das Serum steht auch andernorts in der Kritik. Beim Nachbarn Dänemark etwa hat man seit 2013 mehr als 100 mutmaßliche Fälle von schweren Nebenwirkungen konstatiert. Auf Anregung Dänemarks untersucht nun die europäische Arzneimittelbehörde (EMA), ob sich ein Zusammenhang zwischen der Impfung und Krankheitsbildern wie etwa POTS (posturales Tachykardiesyndrom) oder CRPS (komplexes regionales Schmerzsyndrom) herstellen lässt. Erste Ergebnisse werden für Ende des Jahres erwartet.

Bis dahin will die schwedische Arzneimittelbehörde abwarten und warnt vor übereilten Schlüssen. „Die häufigsten Nebenwirkungen sind Reaktionen auf eine Impfung", erklärt Rolf Gedeborg, Mediziner und Gutachter bei der Behörde. „Bei den gemeldeten Fällen handelt es sich zunächst einmal um mutmaßliche Fälle von Nebenwirkungen und keine de facto Fälle. Generell ist die Zahl der gemeldeten Fälle extrem niedrig."

Heimliches Tauziehen um den Zuschlag

Zwei weitere Klagen neben der von Linnéa liegen der Behörde derzeit vor. Sehr wenige im Vergleich zu den rund 460.000 Mädchen, die bislang in Schweden gegen die Papillomviren geimpft worden sind, die Gebärmutterhalskrebs hervorrufen. In Schweden ist die landesweite Impfung von Mädchen ab zwölf Jahren für die Betroffenen kostenlos. Dies allerdings erst seit 2012.

Vorausgegangen ist ein zäher juristischer Streit der beiden Herstellerfirmen des Impfstoffes mit der Provinzialverwaltung Stockholm. Ihr war vorgeworfen worden, das Präparat des Gardasil-Konkurrenten aus dem Hause GlaxoSmithKline bevorzugt zu haben. Schließlich erhielt doch Gardasil den Zuschlag - über die genauen Ausgaben öffentlicher Mittel aber, nicht zuletzt für das juristische Tauziehen, wurde der Mantel des Schweigens gedeckt, betonen Kritiker.

„Man kann die Symptome nicht spielen"

Bei der für Ohnmachtsattacken zuständigen Abteilung der Uniklinik in Malmö arbeitet Kardiologe Artur Fedorowski. Von den über 100, zumeist Patientinnen, die wegen des posturalen orthostatischen Tachykardiesyndroms behandelt werden, sind ungefähr 30 zuvor geimpft worden - gegen die Papillomviren, aber auch gegen die Schweinegrippe.

„Uns fehlen noch hieb- und stichfeste Beweise, auch wenn wir sehen, dass auf die Impfung gewisse Symptome folgen", erklärt der Kardiologe. „Diese Probleme mit der Herzfrequenz und dem Blutdruck kann man nicht spielen. Es handelt sich also nicht um subjektives Erleben."

Rolf Gedeborg, Gutachter bei der Arzneimittelbehörde, betont dagegen, dass weltweit 72 Millionen Menschen in der Welt geimpft worden seien - ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Vor diesem Hintergrund erwägt Schweden, die Impfung auch bei Jungen einzuführen. Damit ließe sich die Entstehung und Übertragung von Genitalwarzen (Kondylom) vermeiden, aber auch die Gruppe von Mädchen vor Papillomviren schützen, die sich nicht selbst impfen lassen.

„Wir folgen selbstverständlich der Entscheidung der europäischen Arzneimittelbehörde", so Arzt Gedeborg. „Es ist aber sehr deutlich, dass der Nutzen die Risiken überwiegt."

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