Energiewende

Deutschland als Energievorbild?

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Die Energiekommission des Schwedischen Parlaments befindet sich momentan auf Studienreise, um in Deutschland die Energiewende zu lernen. Angeführt wird die Delegation von Energieminister Ibrahim Baylan, der am Freitagmorgen im Schwedischen Rundfunk seine ersten Eindrücke von der deutschen Energiewende schilderte.

„Deutschland ist enorm erfolgreich darin gewesen, in kürzester Zeit die Produktion an erneuerbaren Energien zu steigern. In nur fünfzehn Jahren hat man die Energieproduktion aus Solar und Wind vervierfacht. Damit hat man alle gesteckten Ziele erreicht“, schildert Minister Ibrahim Baylan, schränkt aber ein: „Der Nachteil daran ist, dass die Reise dorthin sehr teuer gewesen ist. Deutsche Energiekonsumenten bezahlen heute das Zweieinhalbfache des Preises, den schwedische Verbraucher für ihren Strom bezahlen.“

 

Bessere Voraussetzungen in Schweden

Bis zum Jahr 2050 will Deutschland erreichen, dass 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen stammt. Ein Ziel, das die schwedische Delegation offenbar anspornt, es Deutschland gleichzutun: „Wir haben hier in Schweden sehr viel bessere Voraussetzungen als Deutschland, da wir über einen sehr hohen Anteil Wasserkraft verfügen, die einerseits erneuerbar ist, wo zugleich aber auch die Lagerung und Zugangsregelung möglich ist. Bereits heute haben wir dank der Wasserkraft einen Anteil von 55 Prozent erneuerbarer Energie. Ich glaube, für uns in Schweden ist es wirklich möglich eine Vollversorgung zu erreichen. Wichtig ist jedoch, ein Gesamtkonzept zu schaffen, um die eventuellen Konsequenzen zu kalkulieren. Da sind in Deutschland einige aufgetreten, mit denen man nicht gerechnet hatte.“

Kernkraftdebatte lähmend

Insgesamt hält der schwedische Energieminister die Chancen jedoch für gut, die Energiesituation in Schweden jetzt zu verändern, da die politischen Voraussetzungen nun gegeben seien: „Bisher ist die schwedische Energiediskussion ja von der Frage ja-oder-nein zur Kernkraft geprägt gewesen. Diese Frage hat die ganze Debatte gelähmt. Aber jetzt, wo die Reaktoren ihre Lebensdauer langsam erreichen und abgeschaltet werden, ist es an der Zeit, Änderungen durchzuführen. Deshalb ist die Energiekommission nach Deutschland gereist, um von den Erfahrungen hier zu lernen, den guten wie auch den Fehlern, die gemacht wurden.“

Auf einen genauen Zeitpunkt für eine schwedische Energiewende will sich Baylan im Gespräch jedoch nicht festlegen. Viel wichtiger als ein konkreter Zeitpunkt sei, dass alle Interessenten an dem Prozess teilhaben würden, dass also die Bedingungen sowohl für Stromerzeuger als auch für die Verbraucher langsam und schrittweise angepasst würden.

Keine Kohle-Debatte in Deutschland

Auch die Umstellung über den Zwischenschritt Kohlekraft, der in Deutschland gemacht wird, um die Kernkraftwerke beschlusskonform bis 2022 vom Netz nehmen zu können, hält Baylan aus Klimagründen für problematisch. „Was mich hier besonders wundert ist, dass es in Deutschland darüber kaum eine Debatte zu geben scheint. Man hat den Kernkraftausstieg beschlossen und zieht das jetzt durch. Mit Kohlekraft. Gleichzeitig merkt man aber, dass man Probleme bekommt, die gesteckten Klimaziele von einer Senkung des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent zu erreichen. Mich erstaunt, dass dies keine größere Debatte auslöst.“

Braunkohle kein schwedisches Problem

Dass Schweden selbst Teil dieser Debatte ist – oder, so von den schwedischen Grünen gefordert, sein könnte, wiegelt der Sozialdemokrat ab. Der schwedische Energieversorger Vattenfall hat beschlossen, seine Braunkohlesparte in Deutschland zu veräußern, obgleich die Grünen in der Regierungskoalition gefordert hatten, aus Gründen des Klimaschutzes die Braunkohle ganz abzuwickeln. Hierzu der Energieminister auf die Frage, warum die Regierung den Verkauf der Braunkohlesparte von Vattenfall unterstützt: „Der einfache Grund ist, dass die deutsche Energiepolitik in Deutschland entschieden werden muss. Für diese Haltung haben wir die volle Unterstützung des schwedischen Reichstages. Wir können Forderungen nach Senkung von Klimagasen an andere Länder stellen, wie jedes Land seine gesteckten Ziele löst, das muss jedes Land, in diesem Fall Deutschland, selbst entscheiden. Genauso, wie in Schweden Reichstag und Regierung über die schwedische Energiepolitik entscheiden.“

Luise Steinberger mit Material von P1 Morgon 

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