Bildkollage Karlstad Festival und Erika Lindgren Liljenstolpe ((Foto: Frida Jansson Högberg/Sveriges Radio. // Foto: Peter Liljenstolpe))
Auf den Festivalbühnen sind Frauen nach wie vor in der Minderheit. Rechts im Bild: Erika Lindgren Liljenstolpe (Foto: Frida Jansson Högberg/Sveriges Radio. // Foto: Peter Liljenstolpe)
Gleichberechtigung

Musikerinnen: Antike Zwänge gelten bis heute

Sittenkonform und nicht allzu expressiv
3:41 min

Heutige Vorstellungen darüber, wie Musikerinnen aussehen und auftreten sollen, haben große Ähnlichkeiten mit denen im alten Rom.

Dies hat eine schwedische Forscherin an der Universität Uppsala herausgefunden. Das antike Idealbild der musizierenden Frau wirkt bis in die Neuzeit hinein und ist ein Grund dafür, warum Musikerinnen auch heute noch einen schweren Stand haben, so die Historikerin Erika Lindgren Liljenstolpe im Interview mit Radio Schweden.

„Es gibt einen klaren roten Faden zwischen damals und heute. Dieser rote Faden weist auf ein patriarchales System hin, das die Menschen nach dem Geschlecht aufteilt und den Männern dabei einen Vorsprung geben soll. Musik ist im Laufe der Geschichte immer wieder als gefährlich und provozierend betrachtet worden, woraus ein Bedürfnis nach Kontrolle entsteht, vor allem gegenüber Frauen.“

Madonna und der Zeitgeist der Antike

Wenn Madonna oder Mariah Carey öffentlich wegen ihres Alters verhöhnt werden oder wenn eine Schlagzeugerin Aufsehen erregt, weil sie mit der Wahl ihres Instrumentes einen Normbruch begangen hat – umschwebt uns dann der Zeitgeist der Antike? Die Historikerin Erika Lindgren Liljenstolpe, selbst aktive Geigerin, hat in ihrer Dissertation jedenfalls eindeutige Parallelen zwischen damals und heute ausgemacht.

Aussehen, Alter und ethnische Herkunft hatten großen Einfluss darauf, ob und wie sich Frauen im alten Rom musikalisch betätigen duften. Für Frauen waren nur bestimmte Instrumente vorgesehen. Ein allzu großes Talent durften sie dabei nicht an den Tag legen, da dies ansonsten mit dem Bild der anspruchslosen und unschuldigen Weiblichkeit in Konflikt kommen konnte. Ein historisches Beispiel, auf das die Forscherin gestoßen ist, war die Aristokratin Sempronia, deren ausgeprägtes Geschick auf der Lyra den Zeitgenossen stark aufstieß.

„Die Hauptaufgabe der Frauen im alten Rom war es, die Familienlinie weiterzuführen, also für männlichen Nachwuchs zu sorgen“, so Lindgren Liljenstolpe. „Das Patriarchat in Rom wollte verhindern, dass sich Frauen ungebührlich verhalten und damit diesen ihren Auftrag gefährden. Musikerinnen der Römerzeit wurden nach ihrem Aussehen und Auftreten beurteilt. Es war wichtig, Musik auf sittenkonforme und nicht allzu expressive Weise vorzugetragen. Man kann hier eine Parallele zur Neuzeit ziehen. Musikerinnen werden auch heute vor allem nach ihrem Aussehen, ihrer erotischen Ausstrahlung und ihrem Benehmen auf der Bühne beurteilt.“

Musikerinnen weiter unterrepräsentiert

Vieles hat sich seit der Antike gewandelt. Gleichzeitig sind Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert in der Musikbranche. Knapp 70 Prozent der Bands, die auf schwedischen Festivals auftreten, sind hauptsächlich mit Männern bestückt. Will es eine Frau auf die Bühne schaffen, so bieten sich als Sängerin die größten Möglichkeiten. Bei Gitarre, Bass und Schlagzeug sind die Frauen nach wie vor deutlich in der Minderheit. Auch in der Klassik sieht es nicht viel besser aus: Erst Ende der 1990er Jahre durfte erstmals eine Frau bei den Wiener Philharmonikern mitwirken – damals an der Harfe.

Erika Lindgren Liljenstolpe ist selbst als Geigerin in der schwedischen Folk-Szene aktiv. Um die Vorstellungen der Antike endgültig über Bord zu werfen, benötige es einerseits Frauenquoten, die einige Festivals in Schweden bereits eingeführt haben. Andererseits brauche es mehr weibliche Vorbilder auf den Bühnen:

„Ich selbst hatte bereits in meiner Jugend Musikerinnen in meiner Nähe, die ich zum Vorbild nehmen konnte. Dies war vor 20 bis 30 Jahren noch sehr selten, es dominierte in der Folkmusik der männliche Musikant, der ein musikalisches Erbe von einem älteren Spielmann erworben hat und dann selbst zur nächsten Generation weiterführt. Dies verändert sich aber nun, mittlerweile sind es nämlich mehr Mädchen als Jungen, die diese Art von Musik lernen.“

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