Peter Hultqvist, Verteidigungsminister (Foto: Johan Thorén)
Peter Hultqvist, Verteidigungsminister (Foto: Johan Thorén)
Cyberkrieg

Landesverteidigung via Facebook

„Bereit, Mitarbeiter der schwedischen Regierung auszubilden“
5:47 min

Schweden erwägt eine Teilnahme am strategischen Nato-Kommunikationszentrum im lettischen Riga.

Dadurch soll die offenbar sehr entwicklungsbedürftige Kompetenz der Streitkräfte in Sachen Propagandakriegführung aufgebessert werden.  

Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung wird zunehmend durch Kommentare zu Zeitungsberichten und auf Facebook und Twitter betrieben. Aber auch durch eigens geschaffene Blogs werden Behauptungen, Halbwahrheiten oder Gerüchte gestreut, deren Richtigstellung beträchtliche Energie verschlingt. Besonders gravierende Beispiele sind die jüngsten Desinformationskampagnen gegen Schweden, die ein angebliches Fehlverhalten Schwedens im Ukrainekonflikt anprangerten, und deren gefälschte Brieftexte nicht nur in den sozialen Medien blitzschnelle Verbreitung fanden, sondern auch vom russischen Staatsfernsehen als echte Dokumente präsentiert worden waren.

Kriegsschauplatz Twitter

Als Konsequenz sollen die schwedischen Streitkräfte ihre psychologische Abwehrkraft verbessern. Das Schlachtfeld: Die sozialen Medien. Sie spielen eine immer bedeutendere Rolle. Das bestätigt auch der schwedische Forscher Oscar Jonsson, der sich am King’s College in London speziell mit der militärischen Entwicklung Russlands beschäftigt, gegenüber Radio Schweden: „Die sozialen Medien sind immer mehr zu einem Teil unseres täglichen Lebens geworden. Beim Krieg in Georgien war Facebook völlig neu und niemand benutzte Twitter. Bei der Invasion in der Ukraine verfolgten alle die Geschehnisse direkt über Twitter. Weil das der schnellste Weg war, sich aktuelle Informationen zu beschaffen. Viel schneller als durch herkömmliche Nachrichtenmedien. Wir haben unsere Lebensweise geändert und damit bekamen die sozialen Medien eine sehr wichtige Rolle.“

Nachholbedarf im Umgang mit sozialen Medien

Im Umgang mit den sozialen Medien und Propagandakriegsführung ist die schwedische Landesverteidigung allerdings nicht ausreichend versiert. Dies bestätigte der schwedische Verteidigungsminister Peter Hultqvist gegenüber dem Schwedischen Rundfunk: „Wir brauchen eine bessere Kompetenz und außerdem handelt es sich hierbei um ein neues Milieu, eine neue Arena, in der viel Desinformation betrieben wird, es gibt verschiedene Kampagnen. Man versucht, die öffentliche Meinung anderer Länder zu beeinflussen.“

Die schwedischen Streitkräfte wollen sich deshalb bei der „Zentrale für strategische Kommunikation“ beteiligen, die von der Nato in der lettischen Hauptstadt Riga eingerichtet wurde. Dort beschäftigen sich Militär- und Kommunikationsexperten mit der Analyse geopolitisch relevanter Meldungen. Vertreten sind dort unter anderen die USA, die baltischen Länder sowie Deutschland, Italien und Großbritannien, aber auch das Nicht-Nato-Mitglied Finnland. Bei der Einweihung der Kommunikationszentrale im Juli diesen Jahres wurde als Anlass zur Bildung dieser Einrichtung ausdrücklich das Agieren Russlands genannt, das einen „Informationskrieg“ führe.

Psychologische Kriegsführung 2.0

In Schweden hatte man die Militärressourcen für psychologische Kriegsführung mit Beendigung des Kalten Krieges weitgehend abgeschafft, nun kommt die Wiederaufstockung, und dazu will man das Wissen und die Erfahrung der Nato nutzen. Die schwedische Beteiligung an der Nato-Kommunikationszentrale allerdings soll sich auf einen oder zwei Mitarbeiter beschränken und vor allem dem Aufbau der eigenen Kompetenz dienen. Schweden mache sich damit nicht zu einem Teil des Nato-Informationssystems, sagt Verteidigungsminister Hultqvist: „So sehe ich das nicht. Es geht dabei um den Aufbau der Kompetenz.“ Dabei sollen die Schweden lernen, wie Propagandaangriffe erkannt und behandelt werden können. Direkte Gegenmaßnahmen allerdings, wie Konterangriffe auf die Urheber der Falschinformationen, oder gar die eigene Verbreitung von Falschmeldungen sind nicht geplant: „Wir werden uns an der Verbreitung von Unwahrheiten oder Desinformationen nicht beteiligen. Das Wichtige ist, die Wahrheit aufrecht zu erhalten“.

Grünes Licht aus Riga

Dass dazu die Erkenntnisse der Nato für Schweden nützlich wären, bestätigt Janis Särts, der Direktor des Strategischen Kommunikationszentrums der Nato in Riga gegenüber Radio Schweden: „Wir bieten die Möglichkeiten, aus unseren Recherchen im Informationsumfeld Rückschlüsse zu ziehen. Dabei dürfte es für Schweden besonders interessant sein, welche Methoden von Russland, aber auch von ISIS im Nahen Osten benutzt werden. Und natürlich besteht für Schweden dann, sobald es ein Teil unseres Zentrums ist, die Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen, mit welchen Bereichen wir uns beschäftigen. Wir wären auch bereit, Mitarbeiter der schwedischen Regierung darin auszubilden, mit welchen Phänomenen zu rechnen ist und wie man auf Informationsattacken und dergleichen bei Informationskriegshandlungen zu reagieren hat.“

Prüfung vorbehalten

Die schwedische Beteiligung an der Nato-Einrichtung wird derzeit noch geprüft. Doch Verteidigungsminister Hultqvist geht offenbar von einer Teilnahme aus. Der Nachrichtenagentur TT sagte er, dass Schweden bereits auf anderen Gebieten mit der Nato zusammenarbeite und dass es aufgrund des großen Verbesserungspotentials doch „merkwürdig“ sei, nicht auf das entsprechende Angebot eines Zusammenarbeitspartners einzugehen.

Michael Harmann / Mats Eriksson / Maks Lapitsky / David Russell

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