Brandspuren an einer Tür
Die Spuren der vergangenen Nacht (Foto: Mikael Nilsson/SVT)
Asyl

Ist Schweden noch sicher für Flüchtlinge?

"Schutz der Unterkünfte schwierig"
5:42 min

Die Serie an Bränden in Asylunterkünften in Schweden setzt sich weiter fort.

Auch in der Nacht zum Dienstag brannte es in mehreren Flüchtlingswohnheimen in Südschweden, die Polizei geht in allen Fällen von Brandstiftung aus. Kann Schweden den Asylsuchenden im Land noch ausreichend Schutz gewähren? Die Antwort von Polizeivertretern und Experten fällt vage aus.

„Der Schutz dieser Einrichtungen ist äußert schwierig, da es so viele sind. Möglich ist dies nur in Zusammenarbeit zwischen der Polizei, der Migrationsbehörde und den Gemeinden“, sagt Polizeichef Börje Öhman im Schwedischen Rundfunk.

Mehrere Brandanschläge

In der Nacht zum Dienstag wurde an mehreren Unterkünften in Südschweden Feuer gelegt. In Lund wurde die Eingangstür zu einem Heim für unbegleitete Minderjährige von außen in Brand gesteckt. Das anwesende Personal konnte das Feuer löschen. Auch in Oskarshamn kam es zu Übergriffen auf eine Schule, die in Kürze als Asylbewerberheim genutzt werden sollte. Augenzeugen beobachteten zwei Unbekannte, die mit Steinen auf Fenster warfen und mehrere kleinere Feuer entfachten.

Vor allem Einrichtungen, die noch leer stehen und für den Einzug von Flüchtlingen vorbereitet werden, waren in den vergangenen Wochen Ziele von Brandanschlägen geworden. Vorsorglich hat die Migrationsbehörde mittlerweile damit begonnen, die Adressen geplanter Asylunterkünfte nicht mehr zu veröffentlichen. Eine Vorkehrung, die laut Experteneinschätzung allerdings kaum ausreichend Schutz bieten kann, verbreiten sich solche Informationen über Anwohner in Sozialen Medien wie ein Lauffeuer. Auch Parteimitglieder der rechtspopulistischen Schwedendemokraten haben Listen über geplante Asylunterkünfte ins Netz gestellt mit dem Argument, dass Anwohnern die Möglichkeit gegeben werden soll, bei ihrer Gemeinde Protest einzulegen.

Fahndung schwierig

Nicht nur der Schutz, sondern auch die Fahndung nach den Brandstiftern gestaltet sich laut Polizeichef Öhman als äußerst schwierig:

„In den meisten Fällen wissen wir nicht, wer dafür verantwortlich ist. In einigen Fällen liegen klar ideologische Motive dahinter, in anderen ist es so, dass die Verantwortlichen schlichtweg nicht weiter denken, als ihr Nase reicht. Die Art und Weise, wie in Sozialen Medien Debatten geführt werden, spielen hier eine wichtige Rolle. Diese Leute erhalten dort den Eindruck, als ob sie in der Gesellschaft Unterstützung für solche Handlungen hätten, und schreiten dann zur Tat.“

Tatort: Facebook

Fremdenfeindliche Debatten bleiben in Schweden weitgehend auf das Internet begrenzt. Eine mit Pegida vergleichbare Bewegung gibt es hier nicht, vereinzelte Protestkundgebungen erhielten bisher kaum Zulauf. Organisierte rechtsextreme Ausschreitungen wie im sächsischen Heidenau sind noch undenkbar hierzulande. Umso enthemmter finden Hetzdebatten in Sozialen Medien wie Facebook oder Twitter statt. Extremismus-Experten wie Alexander Bengtsson von der Antirassismus-Stiftung Expo sehen hierbei einen klaren Zusammenhang mit den jüngsten Anschlägen:

„Die Verantwortlichen werden dort als Helden gefeiert, sie werden als Soldaten in einem Bürgerkrieg bezeichnet. Unsere Stiftung hat sich mehrere Facebook-Gruppen angeschaut, die Tausende von Mitgliedern haben und in denen zur Brandstiftung angespornt wird. Es wird dort genau beschrieben, wie man ein Feuer legt, wie man dabei die Fenster zunageln soll und ähnliche Aufwiegelungen. Wir sollten diese Ereignisse als das bezeichnen, was sie sind, nämlich Terrorismus. Die Menschen und die Gesellschaft sollen in Angst und Schrecken versetzt werden. Die Flüchtlinge, die Angestellten der Migrationsbehörde, die Anwohner der Unterkünfte, sie alle haben Angst.“

Wer übernimmt Verantwortung?

Mona Sahlin, die Leiterin der Nationalen Einheit gegen gewaltbereiten Extremismus, nimmt nun die gesamte Gesellschaft in die Pflicht.

„Polizei und Zivilgesellschaft müssen diese Entwicklungen sehr ernst nehmen. Die Polizei muss solche Dinge, die im Internet stehen, verfolgen und darauf reagieren, und den entsprechenden Schutz bereit stellen. An Parlamentsabgeordnete der Schwedendemokraten, die sich fast schon aufmunternd in Internet-Debatten positionieren, müssen härtere Forderungen gestellt werden.“

Bislang ist noch niemand bei den Asylbränden in Schweden zu Schaden gekommen. Brandschutzexperten warnen jedoch vor einer nun verschärften Gefahrenlage, denn in der desperaten Suche nach neuen Wohneinrichtungen hat die Migrationsbehörde die Brandschutzanforderungen gelockert. Anstatt der bisher üblichen Brandschutzbeurteilung durch unabhängige Experten können künftig die Betreiber der Einrichtung selbst entscheiden, ob alle Auflagen erfüllt wurden. Anders Bergqvist von der Brandschutzvereinigung nannte diese neue Regeln „katastrophal“. In Kombination mit den derzeitigen Brandanschlägen sei es nur eine Frage der Zeit, bis Menschen zu Schaden kämen, so Bergqvist im Schwedischen Rundfunk.

Engagierte Bürger

In Südschweden haben engagierte Bürger den Schutz der Asylanlagen mittlerweile in eigene Hände genommen. In einer kleineren Konferenzanlage außerhalb von Ronneby sollen demnächst 16 minderjährige Flüchtlinge einziehen. Der ehrenamtliche Leiter, Kalle Månsson, ist nun 24 Stunden vor Ort, um die Anlage vor Bränden zu schützen, wie er im Schwedischen Fernsehen sagt:

„Ich bin nun ständig hier, um so schnell wie möglich reagieren zu können, falls etwas passiert. Ich hoffe, dass hier keine Übergriffe stattfinden werden. Sicher sein kann man aber sein.“

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".