Flüchtlinge auf dem Malmöer Hauptbahnhof (Foto: Anders Wiklund/TT)
Flüchtlinge auf dem Malmöer Hauptbahnhof (Foto: Anders Wiklund/TT)
Flüchtlingskrise

Arbeitgeberverband: Integration lohnt sich

Wie kann die Integration von Flüchtlingen am besten gelingen? Dieser Frage ist der Schwedische Arbeitgeberverband Svenskt Näringsliv in einer vergleichenden Studie nachgegangen. Das Rezept für Schweden: Dezentralisiert den Integrationsprozess und lasst die Migrantenvereine eine größere Rolle spielen!

Fünf Länder ließ Svenskt Näringsliv in der Studie untersuchen: Die USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien und Schweden. „Schweden ist vor allem in einem Punkt ganz anders als die anderen Länder“, sagt Farbod Rezania, zuständig für Integrationsfragen beim Arbeitgeberverband, gegenüber Radio Schweden. „Die Zivilgesellschaft, also soziale Verbände, Freiwillige und Migrantenvertretungen fehlen im Prinzip im gesamten Integrationssystem. Verantwortlich sind unsere schwedischen Ämter und Behörden.“

Zu wenig Flexibilität

Genauer gesagt sind es die Arbeitsämter und die Sozialverwaltungen in den Kommunen, die sich um die Neuankömmlinge kümmern. Dieses System, so Rezania, sei äußerst unflexibel. „Alles muss in einer bestimmten Reihenfolge geschehen. Erst wird man einer Gemeinde zugewiesen, dann lernt man Schwedisch, danach kommt die Ausbildung für den Arbeitsmarkt und schließlich die Arbeitssuche. Auf jeden dieser Schritte kann man bis zu einem Jahr warten.“

Kein Platz für Ehrgeizige 

So vergehe wertvolle Zeit, meint Rezania. „Unser System ist eigentlich nach wie vor sehr großzügig, aber es bestraft die sehr Strebsamen, die gleich arbeiten und ein wenig Geld verdienen wollen.“

In dem Moment, in dem ein Flüchtling eine Arbeit annimmt, verliert er oder sie nämlich in der Praxis das Recht auf weitere Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse und Fortbildungen. Das steht zwar nicht im Gesetz, ist aber laut Rezania die Realität in fast allen Kommunen außerhalb Stockholms. „Dort werden die Sprachkurse in der Regel nur als Vollzeit und tagsüber angeboten. Wenn du arbeitest, dann kannst du das also nicht mit einer Ausbildung kombinieren.“

Gebildetste Busfahrer Europas 

Dies hat nach Aussage des Integrationsbeauftragten von Svenskt Näringsliv absurde Konsequenzen. „Deshalb haben wir in Schweden die gebildetsten Busfahrer in ganz Europa. Unglaublich viele Lehrer, BWLer und Ingenieure fahren Bus, weil sie nicht weitergekommen sind.“

Geringe Bildung als Integrationshindernis 

So bekommt der gutausgebildete Flüchtling zwar eine Arbeit. Die entspricht jedoch keineswegs seinen Kompetenzen und – er blockiert damit den Job für Flüchtlinge mit schlechterer Ausbildung.

Denn – daraus macht Rezania kein Hehl – die größte Herausforderung sei es, Flüchtlinge mit geringer Schulbildung in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im Frühjahr dieses Jahres hatten fast 40 Prozent der Arbeitssuchenden aus nicht-europäischen Ländern keinen ordentlichen Schulabschluss.

Keine Patentrezepte

Ein Patentrezept für die Lösung dieser Frage hat auch Farbod Rezania nicht. Die von Arbeitgeberseite oft geforderte Senkung der in Schweden ungewöhnlich hohen Anfangsgehälter hält er jedoch nicht für das Allheilmittel. Vielmehr bedürfe es vieler verschiedener Maßnahmen auf unterschiedlichem Niveau – zum Beispiel eben auch die stärkere Einbindung der Migrantenvereine. „Ein Migrant, der selbst das ganze System durchlaufen hat, kennt die Schwierigkeiten und Möglichkeiten aus erster Hand. Er ist der bessere Berater als eine Behörde, die ja in erster Linie über die geltenden Regeln und Gesetze informiert.“

Lob für Angela Merkel

Die Frage, ob Schweden sich die Integration der Flüchtlinge leisten kann, ist für Farbod Rezania falsch gestellt. „Natürlich kostet das viel Geld und Angela Merkel gebührt wirklich Lob für ihre Deutlichkeit bei diesem Thema. Gratis geht das nicht, aber die Frage lautet vielmehr: Wie sollen wir vorgehen?“

Bessere Gesellschaft in 20 Jahren 

Schule koste eine Gesellschaft auch zunächst viel Geld, aber langfristig würden die Schüler das dann in Form von Steuern zurückgeben, sagt Rezania. So sei das auch mit den Flüchtlingen. Der Integrationsbeauftragte des Schwedischen Arbeitgeberverbandes hat denn auch eine deutliche Vision: „Ich bin Optimist. In zwanzig Jahren sind die Kriege im Mittleren Osten vorbei, ein Großteil der Flüchtlinge ist in seine Heimat zurückgekehrt und sind glücklich dort. Die, die hiergeblieben sind, sind integriert und arbeiten. Ihre Kinder haben eine gute Ausbildung und wir leben in einer Gesellschaft, die wesentlich produktiver und besser ist als unsere heutige.“

Karin Bock-Häggmark

 

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