Neun Millionen Euro Sondermittel hat die Kripo Göteborg zur Bekämpfung der Kriminialität bekommen - erst am Freitag wurde wieder ein Mann auf offener Straße erschossen (Foto: Karwan Faraj/Sveriges Radio)
Neun Millionen Euro Sondermittel hat die Kripo Göteborg zur Bekämpfung der Kriminialität bekommen - erst am Freitag wurde wieder ein Mann auf offener Straße erschossen (Foto: Karwan Faraj/Sveriges Radio)
Kriminalität

Bewaffnete Gewalt eskaliert in Großstädten

3:59 min

Schweden bekommt die Bandenkriminalität und die damit verbundenen Schießereien auf offener Straße nicht in den Griff. In den hiesigen Großstädten werden fünfmal so viele Menschen Opfer von Schüssen wie in der dänischen und norwegischen Hauptstadt. Über die Ursachen lässt sich nur mutmaßen.

Yanna Atta steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Sie wohnt seit zwanzig Jahren im Göteborger Stadtteil Biskopsgården, der inzwischen synonym mit den Schießereien in der westschwedischen Metropole verwendet wird.

„Da ist nur wieder einer erschossen worden"

Zuletzt knallte es am Freitagabend: Vor einem Freizeitheim, das sogar auch an Hochzeitsgesellschaften vermietet wird, wurde ein 26-jähriger Mann mit zehn Schüssen niedergestreckt, er verstarb wenig später im Krankenhaus.

„Fast jeden Abend Blut zu sehen, ist ganz schön schlimm. Die Schießereien sind inzwischen normal", sagt Anwohnerin Yanna Atta im Schwedischen Fernsehen. „Wenn man die Jugendlichen fragt, was los ist, antworten die: Ach, da ist nur wieder einer erschossen worden. Ich frage mich, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben."

Stockholm ist Hauptstadt des Verbrechens

Im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarn hat Schweden ganz offenkundig Schwierigkeiten, der Lage Herr zu werden. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen den Jahren 2010 und 2015 wurden in Stockholm 189 Menschen durch Schüsse auf offener Straße verletzt, in Göteborg 109, in Malmö 63. Zum Vergleich: In Kopenhagen und Oslo gab es 30 Opfer, in Helsinki 10. Durch Schüsse getötet wurden in den drei schwedischen Städten viermal so viele Menschen wie in den benachbarten Hauptstädten zusammen (44:11).

Die schwedische Hauptstadt bildet dabei die traurige Spitze. Warum Schweden so schlecht dasteht, ist jedoch schwer zu sagen. Kriminologie-Professor Jerzy Sarnecki bedauert, dass es keine ordentliche Analyse der Situation gibt; die Wissenslücken bei den Behörden seien entsprechend groß.

Doch noch mehr macht dem Experten Sorgen: „Ich denke vor allem an die soziale Entwicklung und an die Fehler, die man heute macht und die man schon vor 25 Jahren begangen hat, als die jungen Männer aufwuchsen, die jetzt zu den Waffen greifen. Es geht aber auch um die Strategien der Polizei."

Prävention und härtere Gesetze zahlen sich aus

In Oslo und Kopenhagen etwa setzt die Polizei verstärkt auf Prävention, erklärt Torstein Holand von der Osloer Kripo. „Wir wissen, dass ein äußerer Konflikt den inneren Zusammenhalt von Banden stärkt. Deshalb ist es unsere feste Überzeugung, dass wir uns dieser äußeren Konflikte annehmen müssen. Durch unser frühes Eingreifen konnten wir in den vergangenen Jahren viel Gewalt und auch Morde verhindern."

In Kopenhagen schreibt der stellvertretende Kripo-Chef Jörgen Bergen Skov den Erfolg der Polizei den dänischen Gesetzen zu, die in den vergangenen Jahren als Reaktion auf die Straßengewalt verschärft worden waren. Im Unterschied zu den schwedischen Kollegen dürfen etwa dänische Beamte Personen wegen unerlaubten Waffenbesitzes festnehmen und diese in Gewahrsam behalten, bis das Urteil fällt.

Robert Karlsson, Ermittler bei der Kripo in Göteborg, bedauert, dass er und seine Kollegen nicht ähnliche Befugnisse haben wie die Kollegen in Dänemark. Jedes Mal, wenn ein Bandenkrieg gestoppt schien, wuchsen nach einiger Zeit andere Kräfte nach - entweder aus der Familie von verurteilten Bandenmitgliedern oder von anderen Gangs.

Polizei erst letzte Instanz

Polizist Karlsson meint jedoch, dass auch andere Verantwortung für die Situation übernehmen müssten: „Wir sind ja erst die letzte Instanz in einer langen Reihe von Behörden. Die Polikliniken, Schulen und andere Institutionen in unserer Gesellschaft sind genauso gefragt. Wenn die Polizei eingeschaltet werden muss, ist es oft schon zu spät."

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