In Sorge um das Land: Innenminister Anders Ygeman (Foto: Marcus Ericsson/TT)
In Sorge um das Land: Innenminister Anders Ygeman (Foto: Marcus Ericsson/TT)
Angriffe auf Migranten

"Beunruhigende Entwicklung"

"Es musste früher oder später knallen"
4:28 min

Nach massiven Angriffen auf Flüchtlinge in Stockholm wächst in Schweden die Sorge. Am Freitagabend hatten Rechte mitten in der City regelrecht Jagd auf Menschen mit dunkler Hautfarbe gemacht. Innenminister Anders Ygeman warnt vor einer Eskalation der Lage.

Die Ausschreitungen sowie eine von wachsender Aggressivität beherrschte Debatte zeigten eine „beunruhigende gesellschaftliche Entwicklung“, so der sozialdemokratische Spitzenpolitiker gegenüber der Nachrichtenagentur TT. Den rassistischen Gruppen, die „auf unseren Straßen Drohungen und Hass verbreiten“, werde Schweden kraftvoll entgegentreten – alle, die in der Stadt unterwegs seien, müssten sich sicher fühlen können.

Medjid und Hassan wollen sich allerdings künftig überlegen, ob sie sich der Gefahr von Schlägertrupps aussetzen. Sie hätten jetzt Angst, in die City zu fahren, Angst, sich in großen Menschenmengen aufzuhalten, so die beiden jungen Männer, die ihren Nachnamen nicht nennen wollen, im Schwedischen Rundfunk. Seit dem zurückliegenden Wochenende habe die Stadt viel von ihrem Reiz verloren.

„Neues Phänomen“

Von einem „neuen Phänomen in Stockholm“ spricht Einsatzleiter Christer Birgersson mit Blick auf die Lynch-Mobs, die am Freitagabend auf dem Sergels Torg in Herzen der City herrschten. Nur das rasche Eingreifen der Polizei konnte Schlimmstes verhindern, als Dutzende Vermummte dunkelhäutige Menschen attackierten. Zum Ziel der Aktion hieß es in begleitenden Flugblättern, man wolle „Kindern aus den Straßen Nordafrikas die verdiente Strafe erteilen“. In den vergangenen Wochen waren Probleme mit kriminellen minderjährigen Asylbewerbern verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.

Nach der Menschenjagd vom Freitag legte Ultrarechts am Samstag mit einer Kundgebung ebenfalls in der Stockholmer City nach. Repräsentanten mehrerer  Gruppen des einwanderungsfeindlichen Spektrums forderten unter dem Motto „Demonstration des Volkes“ Neuwahlen und eine Regierung, die sich im Gegensatz zum derzeitigen rot-grünen Kabinett endlich vor allem „Für Schweden und dessen Bürger“ einsetze.

Landesweit Alarmbereitschaft

Oberwasser für Rechtsextreme: Für die Historikerin Heléne Lööw, die seit Jahren zum rechten Spektrum forscht, kommt die Entwicklung nicht überraschend. „Nach all den hitzigen Debatten der jüngsten Zeit war es abzusehen, dass es früher oder später knallen würde“, meint Lööw. Ermutigt fühlten sich Rechtsextreme in jüngster Zeit auch durch die Verschärfung der Asylpolitik der Regierung, mutmaßt die Forscherin. „Man denkt:`Die geben uns teilweise Recht, jetzt machen wir noch intensiver weiter als vorher.‘“ Bei der Polizei nimmt man einschlägige Drohungen sehr ernst: So rückten am Sonntag im nordschwedischen Umeå  nach der Ankündigung „rechter Aktionen“ vorsorglich mehrere Patrouillen an. Doch die Lage blieb – diesmal – glücklicherweise ruhig.

 „Stockholm ist sicher“

Bei der Stockholmer Polizei arbeitet man unterdessen mit Hochdruck an der Aufklärung der Vorfälle insbesondere vom Freitagabend. Geprüft werden soll unter anderem, ob die verteilten Flugblätter strafbare Aussagen enthalten. „Wir werden alle nötigen Schritte unternehmen, um uns ein klares Bild davon zu machen, ob Straftaten begangen wurden und von wem“, verspricht Einsatzleiter Christer Birgersson. Angst müsse man künftig in der Hauptstadt nicht haben: „Nein, keineswegs! Stockholm ist eine sichere Stadt, und um dieses vorrangige Ziel zu sichern, verfügen wir über genügend Ressourcen.“ Nach zahlreichen Meldungen über die angespannte Situation der Polizei dürften manche Bürger da ihre Zweifel hegen. Für neuerliche Unruhe sorgten unterdessen am Sonntagabend Nachrichten von der Stockholmer U-Bahn-Station Odenplan. Dort wurden Personal und Reisende von Jugendgangs massiv bedroht.

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