(Archivfoto: August Bergkvist/Sveriges Radio)
Warten böse Überraschungen? (Archivfoto: August Bergkvist/Sveriges Radio)
Sicherheit

Wer hilft Schwedens Rettungsdiensten?

"Normen lösen sich auf"
4:48 min

Weil sie Leben retten wollen, müssen sie um ihr Leben fürchten: Mitarbeiter von Rettungsdiensten sehen sich in Schweden in wachsendem Maße Drohungen und Gewalt ausgesetzt. Ähnlich dramatisch ist die Situation bei Polizei und Feuerwehr.

 

Diesmal hatten Ordnungshüter und Krankenpfleger noch Glück. Keiner kam zu Schaden, so wie zwischen Weihnachten und Neujahr im letzten Jahr, als ein Rettungssanitäter beim Einsatz im Stockholmer Vorort Huddinge schwer misshandelt wurde. Die Gewalttäter nahmen sich „nur“ die Autos vor - an diesem Montagmorgen, als Unbekannte in Göteborg ein parkendes Polizeiauto demolierten, wie auch zuvor am Wochenende in den Stockholmer Vororten Östberga und Tensta. In Östberga ging ein Polizeiwagen in Flammen auf, in Tensta fanden Rettungssanitäter bei der Rückkehr aus der Wohnung eines Patienten ihren Krankenwagen stark demoliert vor.

 „Härteres Klima“

„Das ist extrem deprimierend“, sagt Åke Östberg, verantwortlich für den Einsatz von Krankenwagen im Großraum Stockholm. „Da wird man zu einer Adresse in Tensta gerufen, weil ein Patient dringend Hilfe braucht. Man geht hoch in die Wohnung, und als man mit dem Patienten auf der Trage hinunterkommt, ist das Auto kaputt. Da sind Steine geworfen worden, die Scheiben sind eingeschlagen. Ich begreife einfach nicht, wie man auf solche Ideen kommt“, so Östberg im Schwedischen Fernsehen. „Aber natürlich ist das Klima in der Gesellschaft härter geworden.“   

Von einem härteren Klima spricht auch Johan Larsson, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft „Vårdförbundet“ für Angestellte im Gesundheitswesen: „Es gab in unserer Gesellschaft mal eine Norm, die besagte: Mitarbeiter, die Leben retten, werden nicht angegriffen. Diese Norm ist dabei, sich aufzulösen.“ Eine deutliche Sprache über das Ausmaß des Problems spricht die Statistik über Angriffe auf Krankenwagenpersonal, die der Gewerkschaftsverband „Alarm“ erst vor wenigen Tagen veröffentlichte. Demnach war im zurückliegenden Jahr jeder fünfte Mitarbeiter in Kranken- und Rettungswagen Drohungen oder Gewalt ausgesetzt. Die Zahl „sehr bedrohlicher Situationen mit Einsatz von Gewalt“ lag 2015 bei 386. Damit war sie mehr als doppelt so hoch wie noch vor zwei Jahren.

Strengere Gesetze?

Die unhaltbaren Arbeitsbedingungen für das „Blaulicht-Personal“, wie die Mitarbeiter bei Rettungsdienst, Polizei, und Feuerwehr hier oft genannt werden, waren denn auch Anlass des Treffens, zu dem Innenminister Anders Ygeman am vergangenen Freitag Repräsentanten betroffener Berufsgruppen empfing. Gefordert hatten das Treffen die Stockholmer Konservativen – begleitet von einer klaren Forderung an den Minister: den Gewalttätern endlich die rote Karte zu zeigen. „Wenn man Mitarbeiter angreift, die kranken Menschen helfen wollen, wenn man gar mit Gegenständen auf sie einschlägt – dann ist definitiv die Grenze des Akzeptablen erreicht“, so Marie Ljungberg Schött, in der Stockholmer Provinzialverwaltung zuständig für Fragen des Gesundheitswesens. „Ich denke, wir müssen die Gesetzgebung für Angriffe auf Blaulichtpersonal verändern, sodass sie wirklich abschreckend wirkt.“

Harte Wirklichkeit

Im Ergebnis des Treffens hat Innenminister Ygeman zwar härtere Strafen für die Täter - wie dies auch die Gewerkschaftsvertreter der Rettungsdienste fordern - nicht ausgeschlossen. Vor allem aber müsse es zunächst um vorbeugende Maßnahmen gehen, so der Minister, der „viele gute Beispiele“ für die Eindämmung von Gewalt anführt. So habe der Rettungsdienst in Malmö dank des Dialogs mit Schülern und anderen Einwohnern in problematischen Wohngebieten die Gewalttaten deutlich verringern können. „Ygeman nach Treffen mit Blaulichtpersonal hoffnungsfroh“ heißt es denn auch auf der Homepage der Regierung. Unterdessen werden für die Polizeiwagen-Attacken vom Montagmorgen in Göteborg Zeugen gesucht. Der Straftatbestand lautet vorerst Sachbeschädigung. Allerdings: Ein Polizeiauto „auszuschalten“ und also vorsätzlich daran zu hindern, zu einem wichtigen Einsatz auszurücken, sei eine „sehr ernste“ Sache, betont Polizeisprecher Hans Lippens gegenüber der Nachrichtenagentur TT. Möglicherweise ist da juristisch noch nachzubessern.

Anne Rentzsch (Interviews: Christoffer Wendick/Gustaf Rosensköld, SVT)

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