(Foto: Anne Rentzsch)
Verblasst der Glanz? (Foto: Anne Rentzsch)
Flüchtlingskrise

Ist Schwedens Image in Gefahr?

"In sozialen Medien heißt es, hier herrscht Chaos"
8:12 min

Schweden sorgt sich um seinen Ruf. Mit der Zuspitzung der Flüchtlingskrise und dem 180-Grad-Schwenk der Politik von „offenen Herzen“ hin zu geschlossenen Grenzen seit vergangenem Herbst hat sich auch der Tenor in der internationalen Presse geändert. Berichte über das einstige Musterland sind nun von Negativschlagzeilen geprägt: In den Mittelpunkt rückt Beunruhigendes wie Gewalt gegen Flüchtlinge und großflächiges Scheitern von Integration. In einer globalisierten Welt ist das gute Image eines Landes harte Währung und wichtiger denn je. Ist dieses Image in Gefahr?

Beatrice Janzon ist Korrespondentin des Schwedischen Rundfunks in Südeuropa. Wie viele ihrer schwedischen Kollegen weltweit muss sie jetzt häufig auf beunruhigte Fragen antworten – zum Beispiel auf die einer Journalistin, die eine italienische Zeitungsredaktion dieser Tage zum „Brennpunkt Schweden“ schickt:

„Was ist los in Schweden? Das versucht die Redaktion zu verstehen“, so Beatrice Janzon. „Die Kollegin soll von Gewalt und von Morden berichten, von allen möglichen Turbulenzen, von der Wende in der schwedischen Migrationspolitik und ihren Folgen. Hunderte, ja Tausende Artikel dazu gab es in letzter Zeit in Südeuropa.“

„Ein Land in Auflösung“

Und nicht nur dort. Spaltenweise ist in der internationalen Presse die Rede vom tiefen Fall der selbsternannten „humanitären Großmacht“. Von dem Land, das EU-weit gemessen an der Bevölkerungszahl jahrelang die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat und das nun unter den Folgen der Flüchtlingskrise ächzt. Auch beim Schwedischen Institut (SI), das regelmäßig Schwedens Image im Ausland untersucht, bemerkt man: Der Wind in der Berichterstattung hat sich gedreht.

„Zweifellos gibt es viele Medienberichte mit negativer Prägung. Das ist deutlich zu sehen“, sagt Henrik Selin, bei SI Leiter der Abteilung für Interkulturellen Dialog. Nicht immer spiegelten die Berichte Realitäten wider. Vom Multikulti-Paradies geradewegs in die Hölle: Beim Schwedischen Institut bemerkt man eine wachsende Zahl regelrechter Gruselgeschichten über ein in Auflösung begriffenes Land.

Hass und Gewalt

„In den letzten ein, zwei Jahren haben wir festgestellt, dass solche Behauptungen zumal in den sozialen Medien immer mehr Raum gewinnen“, sagt Henrik Selin. „Da beschreiben Menschen die Situation in Schweden als total chaotisch. Wir, die wir hier leben, können das natürlich relativieren. Wir wissen, dieses Bild ist übertrieben – auch wenn es bisweilen ein paar Körnchen Wahrheit enthält.“

Probleme hat Schweden nicht erst seit gestern. Das Erstarken extremer Kräfte im rechten, linken und islamistischen Spektrum, Fremdenfeindlichkeit, die gescheiterte Integration am Arbeitsmarkt und wachsende Kriminalität waren in den vergangenen Jahren unübersehbar, fanden sich in ausländischen Presseberichten aber vergleichsweise selten wieder. Kurzzeitig aufhorchen ließen allerdings die Krawalle in Migrantenvororten im Frühjahr 2013 und die Erfolge der rechten Schwedendemokraten bei den Parlamentswahlen im Jahr darauf. Die Zuspitzung der Flüchtlingskrise hat eine Reihe bestehender Probleme nun schlaglichtartig erhellt. Hinzu kommen aktuelle Meldungen von Anschlägen auf Flüchtlingsheime und regelrechter Ausländerhatz, von Migrantenvororten, in denen Polizisten und Sanitäter ihres Lebens nicht mehr sicher sind, von Gewalttaten durch Asylbewerber.

„Es gibt ja Menschen, die lange ein recht idealisiertes Bild hatten von Schweden als einem Vorbild in jeder Hinsicht“, so Henrik Selin. „Diese Menschen finden jetzt natürlich, dass die neuen Meldungen mit diesem Bild ziemlich kollidieren.“

Stabile Bilder

Insgesamt bleibt Henrik Selin optimistisch. Das Image eines Landes werde über lange Zeit hinweg geformt, betont er. „Und die wichtigsten Bausteine des Schwedenbildes – Schweden als soziales, offenes Land mit einem stabilen Wohlfahrtsstaat, in dem Gleichheit und Gleichberechtigung wichtig sind – diese Bausteine bleiben bestehen."

Dass selbst Fluten „schlechter Presse“ kaum daran rütteln können, welches Bild sich der sprichwörtliche „Mann auf der Straße“ beispielsweise von Schweden macht, bestätigt Simon Anholt. In Sachen Länderimage gilt der Brite weltweit als Autorität. Jährlich erstellt er Ranglisten, so den „Nation Brand Index“, der Nationen auf Grundlage von Umfragen ihren Wert als "Marke" zuweist. Gerade ist der jüngste "Nation Brand Index" fertig geworden. Die Lektüre bleibt wie gewohnt interessierten Regierungen vorbehalten, aber eines zumindest kann Simon Anholt verraten: 

„Schwedens Position hat sich im Vergleich zu früheren Jahren nicht geändert. Mich wundert das nicht im Geringsten, denn Länder verändern ihre Positionen im Ranking so gut wie nie. Viele Leute meinen, das Image eines Landes ändere sich ständig, je nachdem, ob das Land etwas Gutes oder Schlechtes tut. Dem ist nicht so. Das Image eines Landes ist unerhört stabil, wenn es sich ändert, dann über Jahrzehnte und Generationen. Was immer Schweden jetzt also tun mag – sein guter Ruf dürfte über Jahre hinweg bestehen bleiben.“

Problemzone Norden

Allerdings verbindet Simon Anholt diese Prognose mit einem Aber. Die Region Nordeuropa als Ganzes laufe Gefahr, an Ansehen einzubüßen - erstens, weil von dort gegenwärtig „bündelweise" Negativschlagzeilen kämen und zweitens, weil viele Menschen außerhalb Skandinaviens nur schwer zwischen Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland unterscheiden könnten. "Das sah man im Zuge der Karikaturenkrise 2006", so Anholt. „Damals litt Norwegens Image in der muslimischen Welt ebenso wie das Image von Dänemark. Heute erschreckt viele die Nachricht, dass Dänemark Flüchtlingen Wertsachen abnehmen will; das ruft Erinnerungen an die Nazizeit wach. Überall in der Welt wird der Norden bislang bewundert für Toleranz und Menschlichkeit. Wenn man jetzt von dort so viel Negatives hört, zum Beispiel über eine härtere Asylpolitik, fragen sich die Leute möglicherweise, ob die nordischen Länder tatsächlich so nett sind, wie man immer dachte. Potenziell sind das für den Norden schlechte Nachrichten.“  

 Anne Rentzsch

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