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Happy Romance: Darüber lesen 1,5 Millionen Schwedinnen gern (AP Photo/Fernando Vergara) Foto: Fernando Vergara
Belletristik

Starke Heldinnen und perfekte Männer

"Feminismus und Romantik sind keine Gegensätze"
5:26 min

Mehr als ein Arztroman, aber noch weit entfernt von Literatur mit Anspruch: Wenn die deutsche Leserin zu einem Taschenbuch aus dem Cora-Verlag greift, weiss sie, was sie hat, nämlich Romantik pur zwischen schönen Menschen und garantiert ein Happy End. In Schweden gab es die Bücher aus dem Harlequin-Verlag nur in der Übersetzung. Nun erstmals werden für das Millionenpublikum in Schweden auch Romane auf Schwedisch in schwedischem Milieu geschrieben.

Feelgood heißt das Genre. Und das ist unbestreitbar der Stoff, aus dem die Träume sind. Es geht um Liebe mit Hindernissen, aber eben doch die große Liebe für immer und ewig. Autorin Lina Forss fasst im Schwedischen Rundfunk zusammen, worauf es bei den so genannten „Harlequin“-Romanen ankommt. 

„Es geht um starke Frauen, mit einer Heldin im Zentrum. Ich schreibe heteronormative Romanzen, aber es gibt jede Menge Subgenres, Gay zum Beispiel. In meinen Büchern trifft die Heldin einen Alpha-Mann. Man muss also den perfektesten Mann schaffen, den man sich nur vorstellen kann. Es gibt Komplikationen, die Frau muss ihre eigenen Dämonen bezwingen und er muss im Namen der Gleichberechtigung zu Veränderung bereit sein, um sie zu verdienen. Ganz wichtig: Es gibt einen Vertrag mit den Lesern über ein Happy End.“ 

„Er strahlte Macht und Stärke aus“ 

Der deutsche Cora-Verlag ist wie die „Harlequin“-Reihe in Schweden Teil des Konzerns Harlequin Enterprises. Dort wird am laufenden Meter Trivialliteratur produziert, die reißenden Absatz findet. In dem bei Cora erschienenen „Ein Boss für gewisse Stunden“ etwa, hört sich das so an, wenn zwei Protagonisten unaufhaltsam aufeinander zusteuern: 

Es war fast Mittag, als sie beschloss, sich noch einmal nach dem Verbleib des Big Boss zu erkundigen, da wurde plötzlich die Tür geöffnet. 

Und dort stand er: ihr neuer Chef Gabriel Cabrera. Auf jemanden wie ihn war sie absolut nicht gefasst gewesen! Groß – beeindruckend groß – und attraktiver als jeder Mann, der ihr jemals unter die Augen gekommen war. Sein Haar war einen Tick zu lang, was ihn leicht verrucht aussehen ließ, und sein schönes Gesicht wirkte makellos. Er strahlte Macht und Stärke aus … und eine prickelnde Energie, die Alice für einen Moment sprachlos machte.

Dann riss sie sich zusammen und streckte zur Begrüßung ihre rechte Hand aus. 

„Wer sind Sie?“, fragte er und blieb unschlüssig vor ihr stehen. „Und was machen Sie hier?“ 

Alice ließ die Hand sinken und setzte ein höfliches Lächeln auf. Für diesen Mann würde sie in Zukunft arbeiten, und sie wollte ihre Beziehung nicht auf dem falschen Fuß beginnen. In ihrem Kopf wuchs die Liste mit seinen weniger wünschenswerten Eigenschaften allerdings in diesem Moment um die Eigenschaften rüde und überheblich. 

„Ich bin Alice Morgan, Ihre neue Sekretärin.“ 

Strickmuster sind auch ein Handwerk 

Auf Schwedisch wird die Protagonistin vermutlich Emma oder Ulrika heißen und der Mann ihrer - und nicht zu vergessen der Leserinnen - Träume vermutlich nicht Gabriel Cabrera, sondern eher Oscar Wallgren. Das Strickmuster kommt dem Laien zwar immer gleich vor, will aber dennoch gelernt sein. Autorin Lina Forss musste dafür ein ganzes Jahr lang in die Schreibwerkstatt, um auf ihre „Harlequin“-Karriere optimal vorbereitet zu werden. 1,5 Millionen Leserinnen haben diese Bücher, da soll auch auf Schwedisch nichts falsch laufen.

„Es ist eine extrem dankbare Aufgabe aus Sicht des wohl am stärksten gleichberechtigten Landes der Welt zu schreiben – auch wenn wir alle wissen, dass noch einige Arbeit zu tun ist. Nehmen wir zum Beispiel das Elterngeld, das es seit Jahrzehnten in Schweden gibt. Vor dem Hintergrund dieses Themas würde ich nicht so sehr von Feminismus, als vielmehr von Empowerment sprechen, also der Fähigkeit, seine eigenen Stärken zu entdecken. Das dürfte vielen Leserinnen wichtig sein.“ 

Unrealistisch und schablonenhaft 

Literaturwissenschaftlerinnen wie Sarah Ljungquist von der Universität Gävle ist diese seichte Belletristik ein Dorn im Auge. 

„Dieses Genre ist eben sehr trivial und gerade das Happy End doch reichlich unrealistisch. Dass die Liebe immer obsiegt, entspricht ja nicht gerade der Wirklichkeit und ist insofern schon problematisch. Die heteronormative Liebesgeschichte ist zudem sehr schablonenhaft. Die Frauen dürfen zwar Heldinnen sein, aber eben immer nur auf eine festgelegte weibliche Art.“ 

Die Literaturwissenschaftlerin räumt ein, dass von Trivialliteratur nicht gerade eine Gefahr ausgeht, dennoch sollte man auch andere, sprich bessere Literatur genießen, so Lundqvist, und damit die allzu flache Kost ausgleichen. Dagegen jedoch wehrt sich Autorin Lina Forss vehement. 

„Meine Aufgabe als Schriftstellerin ist deutlich zu machen, dass Feminismus und Romantik keine Gegensätze sein müssen. Ich finde nicht, dass wir den Menschen vorschreiben dürfen, wie sie leben und was sie lesen sollen, was gute und schlechte Literatur ist. Das müssen wir schon den Lesern überlassen.“

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