Durchbruch für apathische Kinder

Die schwedische Regierung hat heute in einem Asylfall von grundsätzlicher Bedeutung entschieden. Ein psychisch schwerkranker 13Jähriger aus Usbekistan und seine Familie, bekommen Aufenthaltsgenehmigungen. Dies könnte der Durchbruch im Dauerstreit über das Schicksal apathischer Flüchtlingskinder sein.

Der Junge ist nur einer von vielen. Rundum in Schweden haben sich schätzungsweise 400 asylsuchende Kinder vom Leben um sie herum ganz oder teilweise abgeschottet. Die meisten kommen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion oder Jugoslawien. Ihre Familien haben in Schweden Asylanträge gestellt. Manche Kinder sind überhaupt nicht mehr ansprechbar und müssen künstlich ernährt werden. Über die Ursachen ihres Zustandes streiten Kinderärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Politiker.

Vor wenigen Monaten hatte der Reichstag entschieden, dass diese Kinder keinen generellen Abschiebeschutz geniessen. Jeder Fall solle einzeln überprüft werden.

Von dieser Linie will die Regierung auch in Zukunft nicht abweichen, erläutert Einwanderungsministerin Barbro Holmberg Radio Schweden. Aber eine gewisse Lockerung lässt sich dennoch ausmachen: „Wir haben eine richtungsweisende Entscheidung getroffen. Die entsprechenden Behörden haben jetzt Richtlinien, nach denen sie in jedem einzelnen Fall entscheiden können. Wir stellen erstens fest, dass die Kinder, die am schwersten krank sind, in Schweden bleiben dürfen. Und wir geben zweitens die Anweisung, dass die individuellen Gründe der Kinder, in Schweden Asylanträge zu stellen, besondere Beachtung finden sollen. Ausserdem soll die psychosoziale Entwicklung des Kindes berücksichtigt werden, wenn es in sein Ursprungsland zurückkehrt.“

Begrenzte Lockerung
Neu ist also, dass nicht nur die Verhältnisse im Heimatland – etwa Krieg, Verfolgung oder Hungersnot - eine Rolle spielen. Und die Einwanderungsbehörde nicht mehr familienweise beurteilt. In Zukunft muss sie auch berücksichtigen, wie das Kind selbst seine eigene Lage erlebt, ob es sich bedroht fühlt und möglicherweise traumatisiert ist.

Mit dieser Umbewertung hat die Regierung es etwas leichter für Familien mit apathischen Kindern gemacht, in Schweden Asyl zu bekommen.

Und die sozialdemokratische Regierung hat sich selbst das Dasein auch erleichtert. Denn die Entscheidung des Parlaments im April, Familien mit apathischen Kindern nicht generell Aufenthaltsgenehmigungen zu erteilen, war hauptsächlich von den Sozialdemokraten getragen worden , und auf wenig Verständnis gestossen. Der schwedische Erzbischof Hammar protestierte im Osteraufruf der Kirche dagegen. 150 000 Unterschriften kamen zusammen. Die Regierung geriet wegen der teilnahmslosen Kinder auch mit ihren traditionellen Kooperationsparteien in Konflikt. Möglicherweise sind diese Kontroversen mit der neuen Entscheidung also beseitigt.

Sybille Neveling