Debatte um Terrorzellen in Schweden

Europa hielt den Atem an, doch diesmal lief alles glimpflich ab. Die neuen Anschläge von London schlugen weitgehend fehl. Warum, darüber rätseln nun die Ermittler. Auch wenn niemand gestern in London zu Schaden kam, sitzt der Schock tief, nicht zuletzt in Schweden. Denn hier steht ein Mitbürger im Verdacht, an den verheerenden Anschlägen in der britischen Hauptstadt vor zwei Wochen beteiligt gewesen zu sein. Einmal mehr debattiert die Öffentlichkeit die Frage: Wie viele potenzielle Terroristen gibt es in Schweden eigentlich?

Die schwedische Öffentlichkeit wurde gestern nicht nur von den erneuten Anschlägen in London geschockt. Weitere Schreckensmeldung: Ein schwedischer Staatsbürger werde vom FBI wegen Terrorverdachts gesucht. Im US-Bundesstaat Oregon habe der Mann versucht, ein Traininglager für Terroristen aufzubauen. Mit einem der Hintermänner der tödlichen Anschläge von London vor zwei Wochen habe der Schwede sogar in direktem Kontakt gestanden.

Nur warme Worte des Lobes 

Über seinen Bruder liess der 39-Jährige Schwede libanesischer Herkunft mitteilen, er habe nichts, aber auch gar nichts mit den Terroranschlägen von London zu tun. In Schwedens führender Tageszeitung „Dagens Nyheter“ kommen namentlich nicht genannte Freunde und Verwandte des mutmasslichen Terroristen zu Wort. Über den derzeit Untergetauchten finden sie nur warme Worte des Lobes.

Verfassungsrechtler und Islamwissenschaftler in Schweden streiten nun darüber, wie viele gewaltbereite Islamisten es im Land gibt. Zwischen 40 und mehreren hundert schwanken die Schätzungen. Die offene schwedische Gesellschaft genauso wie die Behörden wüssten zu wenig über potenzielle Gefahrengruppen, lautet der altbekannte Vorwurf, den Anders Hellner vom Aussenpolitischen Institut ins Feld führt. Der schwedische Terrorismusexperte an der St. Andrews Universität in Schottland, Magnus Ranstorp, ist sich sicher, dass es einen generellen Schutz vor Terror nicht geben könne, weder in Schweden noch in Grossbritannien. Die gestrigen Anschläge zeigten aber ganz deutlich:

„Bei einer einzelnen Bombe hätte wer auch immer dahinter stecken können. Aber eine koordinierte Aktion wie diese, die eindeutige Parallelen zu den Anschlägen von vor zwei Wochen aufweist, muss in direktem Zusammenhang damit stehen.“

”Der Kampf geht weiter” 

Damit gerät auch wieder der vom FBI gesuchte Schwede in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Schon einmal war er von der schwedischen Staatsanwaltschaft wegen Terrorverdachts angeklagt, aus Mangel an Beweisen aber freigelassen worden. Und während die Ermittler weltweit nach neuen Beweisen gegen den 39-jährigen Schweden suchen, wiederholte Aussenministerin Laila Freivalds im Namen der Regierung die Formel, Schweden werde weiterhin alles tun, um den Terrorismus und seine Wurzeln zu bekämpfen.

Alexander Schmidt-Hirschfelder