Regierung will Gewalt in Kinderheimen nachgehen

„Folkhemmet“ – das Volksheim ist der Begriff der schwedischen Gesellschaft, die sich vor allem in den sechziger und siebziger Jahren ihrer Schwächsten angenommen und jedem das Gefühl der sozialen Gebrogenheit vermittelt hat. Dieses Bild vom Staat als treusorgenden Fürsorger hat in den letzten Jahren schwere Kratzer abbekommen: Durch Berichte über Zwangssterilisationen von sozialen Aussenseitern und Lobotomien an Verhaltensgestörten. Jetzt bekommt das Bild vom Volksheim erneut einen dunklen Fleck. Das Schwedische Fernsehen hat aufgedeckt, dass es in den Kinderheimen allzu häufig zu Übergriffen gekommen ist.

Schläge, Bestrafungsaktionen und sexulle Übergriffe – so sah für viele Kinder der Alltag in den staatlichen Kinderheimen aus. Dies brachte unlängst eine Reportage des Schwedischen Fernsehens über die Situation in Kinderheimen in den Jahren 1955 bis 1975 ans Licht. Für viele Schweden ein Schock, da gerade diese Zeit als goldenes Zeitalter des schwedischen Wohlfahrts- und Fürsogestaates gilt.

Nach der Fernsehreportage häufen sich die Nachfragen ehemaliger Kinderheimbewohner nach ihren Akten. Dies bestätigt Stefan Höberg vom Stadtarchiv in Göteborg: „Es gibt wirklich einen Ansturm. Früher haben wir in solchen Angelegenheiten vielleicht 200 Anfragen pro Jahr bekommen. Allein in einer Woche waren es jetzt 54. Das Interesse ist ganz klar gestiegen.“

Viele Leute wollen mehr über ihre eigene Kindheit erfahren, die sie zum Teil einfach verdrängt haben, bestätigt das Göteborger Stadtarchiv. Gesteigertes Interesse entstand auch bei der Regierung, die den Fällen jetzt nachgehen will. Zuständig ist Sozialminister Morgan Johansson: „Ich bin daran interessiert, zu erfahren, was eigentlich geschehen ist in diesen Jahren. Ich will auch wissen, ob den Menschen, die Übergriffen ausgesetzt waren, irgenwie geholfen werden kann.“ 

Beispiel Norwegen

Der Minister folgt damit dem Beispiel Norwegens, dass die Verhältnisse in den Kinderheimen zwischen 1945 bis 1980 untersucht hatte und jeweils 300.000 Norwegische Kronen Schadensersatz gezahlt hatte. Darüber hinaus hatte sich die norwegische Regierung offiziell bei den Opfern entschuldigt.

Birger Hjelm ist Vorsitzender der Organisation ”Stiefkinder der Gesellschaft” und begrüsst die Untersuchung in Schweden: „Das bedeutet sehr viel für all diejenigen, die sich in dieser Frage engagiert haben. Das ist ein Problem mit unglaublicher Sprengkraft und hat bei vielen Traumata hinterlassen. Bisher hat niemand gewagt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“

Morgan Johansson hat die Sozialbehörde aufgefordert, zu untersuchen, wieviele Kinder betroffen und welchen Übergriffen sie ausgesetzt waren. Danach wird die Regierung entscheiden, ob sie dem norwegischen Beispiel folgen und sich bei den ehemaligen Schutzbefohlenen entschuldigen und gar einen Schadensersatz zahlen wird.

Dieter Weiand

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