Für Kinder sind Zahnarztbesuch in Schweden gratis

Zahnbehandlung zum Schnäppchenpreis

Das schwedische Gesundheitssystem hat seine Tücken, viele versuchen sich herauszumanövrieren:

Die Stadt Stockholm spielt mit dem Gedanken, ihr Behandlungsheim für Drogenabhängige nach Riga zu verlegen. Aus Kostengründen.

Ein Krankenhaus in Thailand wirbt mit Behandlung ohne Warteschleife um Patienten aus Schweden. Denn in der schwedischen Krankenpflege sind die Wartezeiten für viele Operationen monatelang.

Zu größeren Zahnbehandlungen reisen viele Schweden nach Polen um die Kosten zu drücken.

Seit Ende der Neunzigerjahre sind die Preise für zahnärztliche Behandlungen in Schweden um 60 Prozent gestiegen. Seit dem Sommer 2005 bietet die Stockholmer Zahnklinik ”City Dental” Behandlungen zum Schnäppchenpreis an.

Das Telefon klingelt fast pausenlos in der neu eröffneten Zahnklinik City Dental. Helferinnen in weißen Tennishemden eilen über das Parket des geräumigen  Wartezimmers und nehmen die Patienten an einem langen Tresen in Empfang. Die gesamte Ausrüstung ist nagelneu. Die Atmosphäre erinnert eher an den Eingangsbereich eines Fitnessstudios. Und so soll es sein, erklärt Mattias Santesson, der Gründer der neuen Zahnklinik: „Wir wollen dass die Patienten nicht so sehr daran denken, wo sie sind. Hier  soll es nicht nach Zahnarzt aussehen und riechen. Es soll einfach kein großes Ding sein, zum Zahnarzt zu gehen. Viele Menschen haben ja Angst davor, und deshalb wollen wir eine entspannte Atmosphäre schaffen.”

Trotz beträchtlichen Andrangs sind die Wartezeiten für schwedische Verhältnisse relativ kurz. Inger Nordin sitzt in einem der modernen schwarzen Kunstledersessel am Fenster zu Stockholms Einkaufsstraße Drottninggatan und blättert in einer Zeitschrift. Ihren dunklen Mantel und den gestreiften, langen Wollschal hat die braunhaarige Frau gleich anbehalten, sie hat den Eindruck, dass es hier schnell geht. „Ich will eine Wurzelfüllung machen lassen. Das kann ja eine komplizierte und teure Behandlung werden. Deswegen will ich mich erstmal untersuchen und beraten lassen. Mir ist vor allem wichtig, dass ich mich beim Zahnarzt gut aufgehoben fühle und wir einander verstehen.”

Die Verständigung könnte sich tatsächlich komplizierter gestalten als gewöhnlich. City Dentals Zahnärzte kommen aus Polen und die Arbeitssprache ist Englisch. Mattias Santesson hat zehn Mitarbeiter aus Osteuropa eingestellt um preislich mit anderen Praxen konkurrieren zu können. „Zahnarzt zum halben Preis!” versprechen die fetten Lettern auf der Website von City Dental. Es gibt in Schweden keine Preisbindung für zahnärztliche Behandlungen.

Konkurrenzvorteil Öffnungszeiten 
Konkurrenzvorteil und Einsparung im Vergleich zu herkömmlichen Praxen sind auch die langen Öffnungszeiten. Alltags von acht bis 20 Uhr und samstags und sonntags von neun bis 16 Uhr. Dadurch wird die kostspielige Ausrüstung der Behandlungsräume besser ausgelastet und er kann die Preise niedriger halten, erläutert Santesson. Wie viel die polnischen Zahnärzte verdienen, verrät er nicht. Das sei ein Geschäftsgeheimnis.

 Die Patienten jedenfalls lassen sich anscheinend durch mögliche Sprachschwierigkeiten nicht abhalten. Noch bevor die Praxis überhaupt eröffnete liefen die Telefone heiß, erzählt Santesson. Er steht in einem halbfertigen Behandlungsraum und beobachtet ob die Handwerker bei der Arbeit: „Hier herrscht ein bisschen Panik weil so viele anrufen und uns besuchen. Wir hatten großen Andrang erwartet. Aber nicht, dass er so groß würde.”

Einen der ganz schnell entschlossenen Patienten treffen wir am Ausgang. Der weißhaarige Herr mag seinen Namen nicht nennen, er findet, dass er nach der vollzogenen Behandlung ein bisschen nuschelt. Aber er ist sehr zufrieden, versichert er: „Keine Probleme. Wir haben Englisch gesprochen. Es war auch eine Zahnarzthelferin dabei, die sprach Schwedisch. Bei mir war eine Wurzelfüllung fällig. Ich bin neulich schon hier gewesen und muss in ein paar Tagen noch mal wiederkommen. Die Stelle war vereitert, aber ich hab nach der Behandlung keine Schmerzen gehabt, es klappt prima.”

Der Staat zahlt wenig
Zahnbehandlungen sind aus dem staatlich finanzierten schwedischen Gesundheitssystem weitgehend ausgeklammert. Patienten zwischen 20 und 65 Jahren müssen die Kosten großenteils selbst tragen. Vor allem junge Leute gehen erst zum Zahnarzt wenn es unbedingt sein muss. Der günstige Tarif der neuen City Dental Praxis lockt aber offenbar auch junge Kunden. Magnus Kocks sitzt mit Strickmütze und MP3-Player im Wartezimmer. Er ist Mitte zwanzig und war schon seit mehreren Jahren nicht mehr beim Zahnarzt erzählt er: „Nur zum Nachschauen. Ich bin seit vier Jahren nicht mehr beim Zahnarzt gewesen. Aber ich hab keine Schmerzen. Diese Praxis hab ich hauptsächlich wegen des Preises ausgesucht.”

Der Preis ist auch für eine polnische Patientin, die in Schweden lebt, ein wichtiger Faktor. Sie hat sich gerade einen Kostenvoranschlag für einen größeren Eingriff machen lassen: „Ich bin wirklich froh, dass es jetzt Zahnbehandlungen gibt, die wir gewöhnlichen Arbeiter auch bezahlen können. Wenn der Doktor in Schweden einem mal schnell in den Mund schaut, wird’s sonst gleich teuer.”

In Polen seien zwar die Zahnarztkosten niedriger, sagt sie. Aber anstatt wie bisher zur Behandlung über die Ostsee zu reisen, wird sie in Stockholm zum polnischen Zahnarzt gehen. „Die Fahrt nach Polen kostet ja auch Zeit und Geld, und das Hotel dort muss ich zusätzlich bezahlen.”

Für Februar 2006 ist die Eröffnung weiterer City Dental-Kliniken in Malmö und  Göteborg geplant.

Sybille Neveling

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