Auf den Spuren Willy Brandts

Während des Zweiten Weltkriegs lebte Alt-Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt nicht nur in Norwegen. Auch in Schweden fand er unter seinem Geburtsnamen Herbert Karl Frahm Zuflucht. In einem Stockholmer Vorort erinnert nun ein Schild am damaligen Wohnhaus an den Aufenthalt des Politikers. Auch ein kleiner Park ist nach dem Altkanzler benannt. Radio Schweden hat Sten Skanderbeck getroffen, der für die Erinnerung an die gemeinsame deutsch-schwedische Geschichte gekämpft hat.

Über die Sturheit der Politiker kann sich Sten Skanderbeck richtig aufregen. Das gibt der pensionierte Journalist und Lokalpatriot unumwunden zu, während er stolz auf seine jüngste Errungenschaft zusteuert: Ein silbernes Schild zu Ehren Willy Brandts, angebracht an dem Wohnhaus, in dem der Politiker vier Jahre während des Zweiten Weltkriegs lebte. Zehn Jahre lang hatte sich der ehemalige Hausbesitzer gegen das Schild gesträubt - aus politischen Gründen, erzählt Sten Skanderbeck: „Und da wartete man schon darauf, dass er vielleicht nicht gerade sterben, aber dass er doch endlich seine Meinung ändern würde. Im vergangenen Sommer dann habe ich herausgefunden, dass das Wohnhaus nun in den Händen einer Eigentümergemeinschaft ist. Die jungen Leute in dem Haus waren gleich angetan von der Idee, dass ein Schild an so eine berühmte Persönlichkeit erinnern sollte.”

Mangel an Geld

Doch wie immer fehlte das Geld. Die neuen Eigentümerparteien jedenfalls hatten keins. Das sieht man auch dem Haus selbst an: Ein schlichtes, zweistöckiges Mietshaus im Stil der Neuen Sachlichkeit, damals strahlend weiß, heute bröckelt der ockerfarbene Anstrich an vielen Stellen. Sten Skanderbeck bat die Kommune um einen Zuschuss, er wandte sich an Unternehmen in der Gegend und er fragte sogar bei der Nobelstiftung an - ohne Erfolg. Dabei war das Schild ohnehin schon ein Kompromiss. Am liebsten hätte Skanderbeck die ganze Strasse nach Willy Brandt benannt.

Dass aber über derlei unbedeutende Summen überhaupt ein Zwist entstehen konnte, ist dem passionierten Lokalhistoriker ein Rätsel: „Das ist doch PR für die Kommune. Warum sehen die das nicht ein? Das ist doch etwas, an dem alle Freude haben.” Nun hat der Rentner die rund 700 Euro für das Schild aus eigener Tasche bezahlt. Gewiss ärgert das Sten Skanderbeck, aber der Ärger hat sich gelohnt: „Es ist wichtig für kommende Generationen, das Alte zu bewahren. Außerdem sollte man auf alle erdenkliche Weise den Nazismus und sein Unrecht bekämpfen. Und Willy Brandt steht für diesen Kampf. Deshalb finde ich es wichtig, Brandt zu ehren.”

Auffällig in unauffälligem Stadtteil

Mai 1948: Willy Brandt berichtet für den Schwedischen Rundfunk von der Luftbrücke über Berlin - in fließendem Norwegisch. Auch über die Nürnberger Prozesse berichtete Brandt für verschiedene skandinavische Medien. Direkt nach Hitlers Machtergreifung floh Brandt, damals noch als Herbert Karl Frahm, nach Norwegen. Nach der Besetzung 1940 kam der Journalist nach Schweden. In dem unauffälligen Stadtteil Hammarbyhöjden im südlichen Stockholm lebte Herbert Karl Frahm vier Jahre, als Journalist und Autor. Dabei blieb er nicht ganz unverdächtig, erzählt Lokaljournalist Sten Skanderbeck: „Viele Leute aus dem Stadtteil hielten Brandt damals für einen Spion. Die Nachbarn hörten ihn zu Hause Deutsch sprechen und fingen an sich zu wundern, weil er ja tagsüber in den Läden Norwegisch sprach, aber nachts Deutsch.”

Tatsächlich hatte nicht nur die Gestapo, sondern auch die schwedische Geheimpolizei Säpo ein Auge auf Willy Brandt geworfen. Warum? Sicherlich wegen seiner politischen Haltung, schließlich setzte sich Brandt während des Krieges für verfolgte Sozialdemokraten ein. Doch diese Antwort reicht Sten Skanderbeck nicht. Noch immer sind etliche geheime Dokumente unter Verschluss. In Bonn hat Sten Skanderbeck bereits viele Archive durchforstet, immer weiter versucht er, Licht in Brandts Zeit in Schweden zu bringen. Denn nach dem abgeschlossenen Schilder-Projekt hat er noch eine weitere Arbeit im Gange - eine Biographie.„Ja, vielleicht, schon möglich. Es ist noch zu früh, denn mir fehlen noch viele Puzzleteile. Aber nahe liegt die Idee schon.”

Liv Heidbüchel

Nachtrag: Inzwischen hat Sten Skanderbeck die Ausgaben für das Willy-Brandt-Schild ersetzt bekommen - von der SPD in Berlin.

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